Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 462 (sequence 10)
- Language
- German
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462 besorgten Westjuden sich auf sich selbst besinnen lassen. Indem aber dies geschieht, wird sich auch ihm die große Befreiung seines Volkes mitteilen. Alsdann wird er den Weg zu seinem Volke finden. Mitteilen wird sich das große Befreiungscrlebnis des russischen Judentums aber vor allem allen jenen von ihm durch herbe Schicksalsfügung losgelösten Teile des Volkstums, die Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute sind. Wir denken vor allem an das Judentum in Amerika. Vom Judentum sagt Eduard Meyer, es sei das Werk der persischen Könige. Mit größerer Berechtigung darf vom heutigen amerikanischen J u d e n t u m gesagt werden, es sei das Werk jenes russischen Ministers, der 1882 die antijüdischen Gesetze erließ, die Hunderttausende zum Wanderstab greifen hieß. Durch den ununterbrochenen Strom der Einwanderung verblieb bis heute das amerikanische Judentum in unmittelbarstem organischen Zusammenhang mit dem Mutterjudentum. Es .war, als setzte das Ostjudentum sein altes Leben auf dem zufälligen Boden der neuen Welt fort. So offenbarte das amerikanische Judentum in Wirtschaft und Kultur den Charakter eines Emigran tenjudent u m s. Die im „shoji" schwitzten, jüdische Zeitungen lasen und jüdische Theater besuchten, zählten samt und sonders zur ersten Einwanderungsgeneration. Die zweite im Lande geborene Menschenfolge legte fatalerweise das Bestreben an den Tag, aus dem „shap" ins Warengeschäft und zu den freien Berufen überzugehen und sich in Sprache und Kultur völlig dem Angloamerikanertum anzupassen. Nun sorgte der ununterbrochene Einwanderungsstrom dafür, das die „erste Generation'4 nicht ausging. Die Emanzipation der nissischen Juden, die unzweifelhaft die Auswanderung durch Abwanderung ablösen wird, wird die Nabelschnur, die die beiden räumlich getrennten Teile des einen Organismus "verband und durch die dem Judentum Amerikas immer neue Blut- und Kraftzufuhr zuging, durchschneiden. In den großen Jubel unserer amerikanischen Brüder über die Befreiung mischt sich bereits jetzt der ernste Ton einer schwerlastenden Sorge um die Zukunft des Judentums in Amerika, Denn bald wird dieses Judentum auf sich selbst gestellt sein, bald wird es die Probe auf seine eigene Lebenskraft und Lebensfähigkeit zu bestehen haben. Aus dem Emigrantenjudentum wird eben erst ein amerikanisches Judentum entstehen. In ferne Zeiten und Räume schweift der der Zukunft zugewandte Blick. Umstrahlt wird das Zukunftsgelände von einer Gegenwart, die herrlich und groß wie je eine ist. An der Sonnenwende der Menschheit beginnt auch eine neue Epoche in der jüdischen Geschichte, und wir Zeitgenossen dürfen mit Freude und Stolz das Wort sprechen: Wir sind dabei gewesen.