Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Die Emanzipation der Juden in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 454 (sequence 2)
- Language
- German
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454 Am gleichen Tage werden durch die nationaljtidische Studentenschaft der Hauptstadt Milizgruppen gebildet und am „Psycho-neurologischen Institut" ein Mittelpunkt?Aim Zwecke der Organisation und des unverzüglichen Aufgebots der jüdischen Jugend ins Leben gerufen. Draußen tobte bereits der Kampf. Drei Tage lang, vom 13. bis zum 15. März, knatterten die Maschinengewehre von den Dächern der Hauptstadt auf die anflutenden Massen. Am 14. März heißt eine von der nationaljüdischen Studentenschaft in Petersburg abgehaltene Versammlung die Taktik der Einzelgruppen gut'lind setzt das Programm des weiteren Mitwirkens an der Revolution fest. Am selben Tage wird in Moskau ein aus Vertretern aller jüdischen Parteien zusammengesetzter „Vereinigter jüdischer Studentenausschuß" ins Leben gerufen, der an die jüdische Studentenschaft der Kremlstadt folgenden Aufruf erläßt: „Der Kampf hat begonnen. Niemand kann wissen, was die nächste-Stunde bringt. Wir jüdischen Studenten gehen mit. dem Volke zusammen, um die Forderungen des Volkes zu schützen. Unsere Stimme, die Stimme der jüdischen Studentenschaft, muß in diesem Augenblick mit besonderer Macht über das ganze Reich ertönen. Zusammen mit den allgemeinen Forderungen der Demokraten, als da sind: 1. Absetzung | aller Vertreter der zu stürzenden Regierung, 2. Entwaffnung der j Polizei und der Gendarmerie, 3. Aufhebung aller außerordentlichen Zu- | stände, 4. Befreiung aller politischen Verbrecher, 5. Abschaffung der 1 politischen Zensur und 6. die Schaffung einer einstweiligen Regierung mit einer überwiegenden Mehrheit der Vertreter der radikalen Demokratie, stellt die „Vereinigte jüdische Studentenschaft/' die besonderen 1 Forderungen auf: 1. Alle nationalen und konfessionellen Beschränkungen aufzuheben und 2. der jüdischen Kation die bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte zugleich mit den anderen nationalen Minderheiten Rußlands zu gewähren." In Petersburg aber reifte die große Schicksalsstunde heran. Das blutige Ringen hatte an diesem Tage seinen Höhepunkt erreicht, 300 Märtyrer der Freiheit bedeckten das Kampffeld, darunter etwa 30 Juden (die „Prozentnorm4' überschritten!). Dem „Vollzugsausschuß" strömten immer neue Kräfte zu. Immer weitere Volksschiehten wurden vom reißenden Freiheitsstrudel erfaßt. Immer größere Massen scharten sich um den „Rat der Arbeiter- und Soldatenabgeordneten". Unterdessen schloß sich auch ein Teil der Armee der Revolution an. Das Schicksal des alten Regimes wrar besiegelt. Am späten Abend des 14. März kam eine Übereinstimmung zwischen beiden neuen Mächten, dem Vollzugsausschuß der Duma und dein „Arbeiter¬ und Soldatenrat" zustande. Der zweite Vorsitzende desRates, der Sozialist. Kerenski, tritt in die sich darauf gründende einstweilige Regierung ein. In der Nacht vom 14. auf den 15. März erfolgt die Abdankung Nikolaus II. Am folgenden Tage, dem 16. März, gibt die neue Regierung die Hauptsätze ihres Programms be - k a n n t, in dem u n t er anderem die Au f h e b u n g aller nationalen und konfessionellen Beschränkungen verkündet wird.