Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Das neue Rußland und das jüdische Proletariat
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 453 (sequence 8)
- Language
- German
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453 die nationale Autonomie ihrem Programme einverleiben werden, war vorauszusehen. Dies ist nunmehr geschehen. Das Zustandekommen des geplanten jüdischen Kongresses in Rußland mit " Beteiligung der Arbeiterschaft scheint nunmehr gesichert, und es ist zu hoffen, daß auch der jüdische Kongreß in Rußland, wie der jüdische amerikanische Kongreß, alle Schichten und Richtungen des jüdischen Volkes vertreten und ein einheitliches nationales Programm aufrollen wird. Wenn die russische Judenheit einig vorgeht, kann sich das neue Rußland ihren Forderungen nicht widersetzen. Die Zeit ist reif für die Propaganda einer geschlossenen Aktion der jüdischen Demokratie aller Länder zur Durchsetzung der Forderung der Anerkennung und Sicherung der Rechte der jüdischen Nation. Wir nannten das jüdische Proletariat den Erwecker des jüdischen Volkes. Als der jüdische Sozialismus entstand, fand er ein eingeschüchtertes, feiges Geschlecht, das sich wie ein Wurm unter den Schlägen seiner Peiniger wand, ein Geschlecht, dessen höchste nationale Tugend das Dulden und Schweigen war. Der Zionismus hat dem jüdischen Volk wohl ein großes Ideal gegeben, ohne aber zunächst imstande zu sein, es zum politischen Handeln zu befähigen. Lag das an seiner damaligen Ideologie oder war nicht vielmehr diese Ideologie der geistige Reflex des bestehenden Zustandes? Da tritt das jüdische Proletariat, freiheitsglühend und voller Kampfentschlossenheit, auf die Szene. Anstatt des ohnmächtigen Schweigens setzt es den lauten Protest, anstatt des knechtseligen Duidens den opferwilligen Kampf; der Väter passiven Mut zur Martyrologie löst er durch aktiven Heroismus ab. Zunächst hatte das jüdische Proletariat kein positives nationales Ideal, so daß seinem Ringen der historische Sinn abging. Falls aber dieser aktivste und gesundeste Teil unseres Volkes die Größe unseres Nationalgedankens erfaßt, wird er zum Baumeister der jüdischen Zukunft. Die Emanzipation der Juden in Rufeland Von Dr. L. Bergmann, Berlin 1. Der Hergang K^ßfro März befahl der Zar die Auflösung der Reichsduma. Am gleichen Tage verkündet derDumavorsitzendeRodzianko denEnt- SSCS Schluß der Volksvertreter, die Duma weiter tagen zu lassen. Ein Vollzugsausschuß mit oppositioneller Mehrheit wird von der Duma gewählt. Außerhalb des Taurischen Palastes entsteht ein „Rat der Arbeiter¬ und Soldatenabgeordneten". Mit unheimlicher Schnelligkeit naht der entscheidungsschwerc Augenblick heran. Das Volk, Arbeiter, Soldaten und Studenten, darunter zahlreiche junge Juden, zog auf die Straße.