Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 15-16 (10.5.1917)
- Article
- Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland
- Date
- 1917-05-10
- Page
- Seite 444 (sequence 16)
- Language
- German
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444 dritten Duma blieb der „Bund44, (der 20 Wahlmänner stellte) den taktischen Grundsätzen der russischen „Minimalisten" treu und trat für sie auch auf der 3. Allrussischen Parteikonferenz ein. Im allgemeinen hielt der „Bund44 in bezug auf die Haltung gegenüber den anderen Parteien an die Richtlinie der russischen Sozialisten fest: Zusammengehen in erster Linie nur mit den Gruppen, links der Kadetten, und nur in dringenden Füllen auch mit diesen letzteren. Daß die „Kadetten44 die einzige iii Betracht kommende Dumapartei war, von der gerade die Juden etwas zu erwarten hatten, daß nach der Lage der Dinge diese bürgerliche Partei die einzige war, die dazu berufen und gewillt war, gemeinsam mit den jüdischen Vertretern die Sache der jüdischen Gleichberechtigung zu verfechten — das wußten auch die Herren vom „Bund44 sehr wohl, allein man konnte ja unmöglich der bürgerlichen Kadettenpartei eine freundlichere Haltung entgegenbringen, als etwa den bürgerlichen j ü d i s c h e n Wahlausschüssen. Zur Vervollständigung des Bildes sei erwähnt, daß der „Bund*4 auch gegenüber der um etwa 1908 in weiten Schichten der jüdischen Sozialisten aufkommenden Bestrebungen zur Schaffung einer selbständigen jüdischen Sektion in der I n t e r n a t i o n a 1 e siel) durchaus verständnislos und ablehnend verhielt. Mit um so größerem Eifer wurde diese Bestrebung von den anderen drei national-jüdischen sozialistischen Parteien propagiert: Man war unmittelbar vor Ausbruch des Weltkrieges auf dem besten Wege, die inneren Gegensätze und den hartnäckigen Widerstand gewisser sozialistischer Kreise — namentlich in der deutschen Partei — zu überwinden und im Chorus der Internationale auch die Stimme des arbeitenden .Judentums vernehmen zu lassen. Die auf die Revolutionsjahre 1905—1900 folgende Epoche war für den „Bund44 eine Zeit des Niederganges und einer unverkennbaren fortschreitenden Auflösung. Die auf den himmelhochjauchzenden Optimismus der prärevolutionären Ära folgenden Jahre der Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit für die russische Judenheit, die von lähmender Wirkung auf das gesamte politische Leben und die politische Tätigkeit waren, haben auch die Arbeit und die Lebenskraft des „Bundes14 fast völlig paralysiert. Die Überzeugung von der Aussichtslosigkeit aller Mühe um die äußere Fieiheit lenkte die Stimmungen und das Streben der aktivsten und zielbewußtesten nationalen Elemente im Ostjudeittum auf das weite Gebiet der Fragen und Aufgaben des inneren Volkslebens. Der Kampf um äußere Freiheit wurde von einem schweren Ringen um innere Befreiung und Erneuerung abgelöst. In diesem Bingen um die nationale Erneuerung konnte aber der innerlich der geschichtlichen Volkskultur entfremdete „Bund14 kein Führer mehr sein, mochte er noch so sehr bestrebt sein, über seine nunmehr offen hervortretende innere Hohlheit und Wurzellosigkeit durch die geflissentliche demonstrative Hervorkehiung jiddisch istischer Tendenzen hinwegzutäuschen. Auch seine ökonomische Wirksamkeit erfährt seit 1909 eine starke Reduzierung und Schwächung. Zahlreiche lokale Berufsorgani-