Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Polen
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 425 (sequence 3)
- Language
- German
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425 Daß in dem Blatt ein Ton persönlicher Anfehdung jedes, auch des anständigsten Gegners (man vergleiche z. B. den Artikel gegen 0© 0(10 00 OB 03 Der Krieg rief eine starke Veränderung qii jüdischen Dingen hervor. Die Juden in Deutschland werden sich, in dem allgemeinen Sichzurückfinden auf die Volklichkeit, wieder stärker ihres Judentums bewußt, und andererseits wurde, dadurch, daß große Mengen Deutscher Polen und Galaxien betraten, das Ostjudentum in den Blickkreis Deutschlands einbezogen. Es war, als ob diese von westlichen Lebensformen so verschiedene, dennoch geographisch so naheliegende, eigentümliche, großzügige und doch beschränkte, und auf jeden Fall schwer verständliche Welt jetzt erst für das europäische Bewußtsein entdeckt wurde. Hinzu kam das aktuelle Problem der Gestaltung des polnischen Staates und ließ das Ostjüdische wieder salonfähig werden, nachdem die europäischen Juden das ihrige dazu getan hatten, über ihren Zusammenhang mit dem Osten diskretes Schweigen zu decken. Auch nicht speziell für Judaika zuständige Verleger beschäftigen sich nunmehr mit dem Ostjudentum, und seine literarischen Erzeugnisse werden einem größeren deutsehen Publikum zugänglich gemacht. Die kleine Auswahl, die Alexander E1 i a s b e r g *), im Verlage von Gustav Kiepenheuer in Weimar, von ostjüdischen Erzählern bietet, macht mit den populärsten in jidisehcr Sprache schreibenden Autoren bekannt: Pe'rez, Scholem- A1 e j c h e m , S c h o 1 e m A s o h. Von ihnen ist Jizchok-Lejb Pcrez der stärkste an Gefühl, der umfassendste an Aspekt. In ihm äst das „Chassidische", jener ganz unratlonalistiische, weiche, hingebungs- *) „Ostjüdisrlie Erzähler", J. L. Perez: Seholcm Alejk'hem, Scholem Asch. Ausgewählt und aus «lern Jidisehen übertrugen von Alexander Kliusber^. Gustav Kiepenheuer Verlag, Weimar tVilli. Preis M. 1.50. Nissenbaum), herrscht, der jeder Beschreibung spottet, soll nur nebenbei erwähnt werden. Dif ßcile est satyram non scribere! G. (10011030000011 bereite, allem Eindringenden weit geöffnete Teil der ostjüdischen Seele (aus welcher, wie ich glaube, die wahrhafte Geistessendung der Juden erstehen wird) lebendig. In den besten hier gebotenen Erzählungen „Ein Fasttag", „Verrückte Leute' und auch „Eine Heirat" schwingt ein tiefes Gefühl, welches durch seinen menschlich-ethischen Inhalt für unser Empfinden gesteigert wird. Vor dieser Feststellung erscheint die, daß die Fabel und die Formgebung meist einfach, auch konventionell sind, erst in zweiter Linie nötig. Wir haben im heutigen deutschen Schrifttum soviel Kultur und Aufmachung über einer Messerspitze von Wesenhaftigkeit, daß Perez in dieser Hinsicht ausgezeichnet abschneiden würde. Er hat in seinem großen menschlichen Mitleid, dn seiner meist noch moralisch wirken wollenden Art als auch in dem Detail- und Ausschnittmäßigen, das seinen- Gesichtskreis begrenzt, eine gewisse Ähnlichkeit mit Dickens, wenngleich dieser von größerem Format ist. Andere Erzählungen, wie der „Diamant", „Wie ein Porusch aufhörte Porusch zu sein" und „Die drei Geschenke" sind nicht so sehr auf handelnde Menschen als auf einem Gedanken aufgebaut, der eine allegorische Einkleidung etwa in Form der Fabel erführt. Das Gefühlshafte dringt nur in kurzen Momenten durch, und die Primitivität und Uneigenheit der Gestaltung fällt mehr auf. Es liegt aber keinesfalls die beste Auswahl des Perezschen Schaffens vor: seine Geschichten aus dem chassidischen Leben, welches ihm in der Innigkeit und Gefühlsstärke ja nahe Liegen muß, geben noch größere Werte. Was Perez der europäischen Literatur gibt, ist das Ethos, seine große Reinheit, welche andererseits untrennbar ist von einer gewissen Kindlichkeit, Unentwickeltheit — wie ja die neue Literaturbloit Ostjüdhdte Erzähler