Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Polen
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 423 (sequence 1)
- Language
- German
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423 Polen Zu den Wunderlichkeiten des jüdischen Lebens in Polen gehört der Einfluß der Rebbes auf die allgemeine Politik. Er ist früher stets im Sinne der Machthaber der jüdischen Gemeinde, nämlich der Assimilan ten, „geführt von der Familie Nathanson/Dickstein" geltend gemacht worden, obwohl der Unkundige vermuten sollte, daß keine Gruppen ein tieferer Abgrund trennen könnte, als diese Vertreter zweier so ganz verschiedener Weltanschauungen. Aber bei näherer Betrachtung wird die Sache klarer. Die „Rebbes" sind auf unbedingte Gefolgschaft ihrer Leute angewiesen, und sie setzen alles daran, um ihren Einfluß zu einem dauernden zu gestalten. Deshalb ist öhnen die Unterstützung durch die Machthaber wertvoll. Und andererseits brauchen die „radikalen Assimilanten" für ihre Macht nicht zu fürchten, solange die breite, strenggläubige Masse ihrer Politik keine Hindernisse in den Weg legt. Die Vereinigung beider Gruppen ist also politisches Geschäft. Bedauerlich bleibt, daß deutsche Juden, nämlich die Herren Dr. Cohn und Dr. Carlebach, welche die Berechtigung erhielten, sich dauernd in Warschau aufzuhalten, sich zu Förderern dieser Politik der Rebbes hergeben. Statt ihrerseits das strenggläubige Judentum, dessen Interessen sie vertreten wollen, dn politischem Geist zu erziehen und es so zur Wahrung seiner Interessen zu befähigen, suchen sie sich in seltsamer Verquickimg ihrer religiösen Ziele mit der Tagespolitik . vollkommen dem Willen der Rebbes unterzuordnen nach dem alten Satze: „Ich bin ihr Führer, also muß ich ihnen folgen.'1 Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein solches Vorgehen die Gefahr einer dauernden Entfremdung der religiösen Masse von' den ihr sachlich viel näherstehenden Gruppen in sich birgt und überdies die orthodoxen Massen auch für diie Zukunft zu gefügigen Werkzeugen der Polen erziehen muß. Dabei besteht also die große Sorge, daß das polnische Judentum in seiner Gesamtheit einen Schaden erleidet, den die deutschen Herren gewiß nicht wünschen, für den sie aber dereinst eine schwere Verantwortung zu tragen haben werden. Von den Herren Dr. Cohn und Dr. Carlebach ist in Warschau eine orthodoxe Zeitung gegründet worden, „Das jüdische Wort". Auf die Gründungsgeschichte dieses Blattes wollen wir hier nicht näher eingehen, obwohlsie der Eigentümlichkeiten genug bietet. Wir wollen hier nur zur Informierung der Öffentlichkeit das Empfehlungsschreiben wiedergeben, das der einflußreichste der chassidischen „Rebbes'1, nämlich der Gerer Rebbe Abraham Mordechai Alter, als Hirtenbrief an seine Anhänger gerichtet hat. Er lautet: „Schon lange habe ich mich bemüht, daß eine Zeitung gegründet werde, die den jüdischen Geist trägt und nichts Freisinniges und nichts Anstößiges enthält. Viele von euch haben in meinem Hause Tränen wie Wasser vergossen, daß ihre Söhne und Töchter sich gänzlich von ihnen trennen und mit einem fremden Volke sympathisaeren infolge der Lektüre schädlicher Bücher und Zeitschriften. Und da jetzt eine Zeitung namens „Das jüdische Wort" erschienen ist, deren Herausgeber ein frommer orthodoxer Jude ist, bitte ich, diese Zeitung nach bester Möglichkeit zu unterstützen, sie zu abonnieren, an ihrer Verbreitung* unter euren Bekannten mitzuhelfen und ihr Berichte und Inserate zu verschaffen, damit die Zeitung nicht gezwungen ist, Inserate von Theatern aufzunehmen, die auch gegen den jüdischen Geist sind. Mit der sich vergrössernden Verbreitung wird die Zeitung die Möglichkeit haben, sich zu verwollkommnen und ein echt jüdisches Organ zu werden, das unsere orthodoxen Juden verteidigt und ihre Interessen schützt. Ich bitte darum von Herzen, daß Ihr dies nicht vernachlässigt, da Ihr mit einigen Kopeken täglich zur Verwirklichung einer Tat mithelfen werdet, die zum Wohle der