Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 14 (25.4.1917)
- Article
- Ein Wort zur buddhistischen Bewegung in Deutschland
- Date
- 1917-04-25
- Page
- Seite 419 (sequence 2)
- Language
- German
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419 behandeln, ohne Tendenz, ohne Absicht, ohne Glaubensförderung, so gibt die Massenhaftigkeit dieser Literatur dennoch zu denken, und mit Recht wird angesichts eines Werkes wie das von G. Grimm, „Die Lehre des Buddha" (München 1915), an der oben zitierten Stelle festgestellt, „daß die buddhistische Propaganda in Deutschland und anderwärts eifrig an der Arbeit ist". Ein zweites Wort gilt der Gefahr, die möglicherweise aus der buddhistischen Bewegung dem Christentum erwachsen kann. Seit 1916 besitzen wir (von H. L. H e 1 d) auch eine „Deutsche Bibliographie des Buddhismus". Sieht man sich das eine oder das andere dieser buddhistischen Werke näher an, so merkt man gleich, daß es den Verfassern eine Herzenssache ist, die Lehre Buddhas zu glorifizieren, ihre Vorzüge hervorzukehren, ihre Verbreitung auf Kosten des Christentums zu fördern und herbeizuwünschen, kurz, sie als diejenige Religion hinzustellen, die dem glaubensbedürftigen Menschen not- und guttut, auch dort, wo das Christentum versagt. Es ist nämlich selbstverständlich, daß all diese neuen „Buddhisten", wo sie von dem Versagen (Irr hierzulande herrschenden Religion sprechen, in erster und letzter Reihe durchaus nur an das Christentum denken, das ja allein, nach der Auffassung der Menge, eine Befriedigung der Seelen gewährt hatte. Herr G r i m m geht in seiner Behauptung so weit, daß eine Unzulänglichkeit der „Religionen" wahrzunehmen sei und daß diese Unzulänglichkeit „allmählich zum Massenphänomen zu werden beginnt und sich dem ,Glaubensollen' immer mehr das ,Glaubcnwollen' entgegenstellt", ein Übel, das -durch die echt philosophischen und heiligen „Wahrheiten" des Buddhismus gut zu beseitigen wäre. Soll man danach an einen eingetretenen oder bevorstehenden Bankrott des Christentums glauben? Wir Juden, die wir die Macht der Offenbarungsreligion besser kennen, glauben gewiß nicht daran. Jetzt, nach den Erfahrungen des Weltkrieges, erst recht nicht. Wo ist jetzt, nach der ungeheuren Kraftentfaltung der großen Kulturvölker, etwas von der Lebensflucht, etwas von der Verneinung des Willens, wie sie der Buddhismus verlangt und wie sie auch Schoppenhauer lehrt, zu bemerken? Wo hört man heute eine Behauptung, daß das Leiden, das Leiden an sich, das Leiden, das vom Leben unzertrennlich ist, nicht zu ertragen ist, nicht getragen werden soll? Doch, gesetzt den Fall, das Christentum befriedige nicht — wir Juden hätten keine Schadenfreude daran. Wir verlangen nach keinem neuen Heidentum, auch wenn es sich in dem reinen Gewände des Buddhismus präsentiert. Und wir sagen das nicht nur darum, weil wir jetzt, in dieser tatenreichen und angsterfüllten Zeit, nichts sagen und nichts unternehmen, was den interkonfessionellen Burgfrieden stören oder gar aufheben könnte — man weiß ja, daß wir, die Schwächeren, auch zu anderen Zeiten nicht gerade die Störenfriede sind —, sondern wir sagen dieses aus innerster Überzeugung, weil wir der Meinung sind, daß der großartige Erfolg des Christentums, das sich die halbe Welt erobert hat, auch unser Erfolg ist und daß wir uns seit Jahrhunderten gewöhnt haben, mit Befriedigung