Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat? [Rezension]
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 396 (sequence 3)
- Language
- German
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396 polen zürzeit im wesentlichen als ein Industriestaat zu betrachten ist, dem das russische Absatzgebiet erhalten bleiben muß. Somit kann auch aus wirtschaftlichen Gründen eine Angliederung Polens an Österreich-Ungarn nicht in Frage kommen, und auch eine solche an das Deutsche Reich würde vermutlich den Abschluß Polens von dem russischen Absatzgebiet bedeuten. Andererseits dürfon die wirtschaftlichen Notwendigkeiten nicht ausschließlich maßgebend für die politische Gestaltung sein, die eine Lostrennung von Rußland gebieterisch fordert. Auch aus diesem Grunde kommt der Verfasser zu dem Schlüsse, daß die Schaffung eines selbständigen Groß-Polens wünschenswert und notwendig bleibt, von dem er hofft, daß es sich infolge der alten Kulturzugehörigkeit zu dem Westen nach der Seite der Mittelmächte orientieren werde. Das Buch ist vor der russischen Revolution vorfaßt worden, und so werden dem Verfasser wohl solbst nachträglich mancho Bedenken aufgestiegen sein, die sieh aus der veränderten Sachlage ergeben. Von der Regelung der Verhältnisse im russischen Reiche wird es in erheblichem Maße abhängen, wie die Sympathien der kleineren siavischen Völkerschaften sich in Zukunft gestalten werden. Vom deutschen Standpunkte aus muß deshalb die Entwicklung der Dinge abgewartet werden, bevor ein endgültig abschließendes Urteil über die zukünftige Gestaltung Polens möglich erscheint. Durchaus einig sind wir jedenfalls mit dem Verfasser darin, daß möglichst große Gebietsteile von Rußland losgelöst und eine weitgehendeSclbs (Verwaltung staatlicher Natur gegeben werden sollte, sowie darin, daß nicht nur die Polen, sondern auch die kleineren Völkerschaften, unseres Okkupationsgebiets ein volles Anrecht auf die Wahrung ihrer kulturellen Interessen in Anspruch nehmen dürfen. Sind doch auch sie durch deutsche Waffen befreit worden und haben ebenso wie die polnische Mehrheit ein .volles Recht auf die Anerkennung ihrer Eigenart. Die Gotheinsche Schrift bietet neben reichem statistischen Material viel Stoff zum Nachdenken und viel Anregung für den Politiker, der mit Ernst und Sachlichkeit an diese schweren l'Yagcn heranzugehen wünscht, A. Fr. Verantwortlich für die Sehrlftleltung: Murtin Go«t2, BcrUn-Charlottenbiirff. Verlag der Neuen Jüdischen Monatshefte, Berlin-München. Martin Goetz. Nachdruck der Beiträge den Tageszeitungen mit genauer Quellenangabe gestattet. Gedruckt bei Julius Sittenfeld, RofbuendmeW, Berlin W.