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Neue jüdische Monatshefte · 1917-04-10 · Heft 13 (10.4.1917) · p. Seite 395

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 13 (10.4.1917)
Article
Das selbständige Polen als Nationalitätenstaat? [Rezension]
Date
1917-04-10
Page
Seite 395 (sequence 2)
Language
German
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395 Er wünscht; deshalb, von vornherein die Hechte unter den Nationalitäten in der Verfassung so festzulegen, daß daran nicht gerüttelt weiden kann, und sie unter den Sehnt'/ des Haager Gerichtshofes zu stellen. Gothein wünscht also einen Nationalitätenstaat, bei dem die Polen wohl das ITauptelement der Bevölkerung stellen, aber in dem begrenzten Rahmen ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit über die anderen Völkerschaften eine Vorherrschaft ausüben weiden. Demzufolge schlägt er die Schaffung von Nationsgemeinschaften, .,X^Uk)ns-Universitäten", durch die Eintragung in Nations-Kataster vor, denen das Hecht auf uneingeschränkten Gebrauch der Muttersprache, die Veranstaltung öffentlichen Unterrichts und die Pflege des gesamten nationalen Bildungswesens obliegen würde. Der Staat hätte allen diesen Nationsgemeinscharten Zuschüsse zu allen entstehenden Schulkosten für die Volksschulen, aber auch für die höheren Schulen zu leisten. Hochschulen dagegen sieht er nur für die polnische Bevölkerung vor, weil Deutschen und Juden neben den polnischen auch die deutschen Hochschulen offenstehen würden, während die kleinen Nationalitäten, wie er meint, zahlenmäßig und finanziell für die Schaffung von Hochschulen zu schwach seien. Für stark gemischte Bezirke will er den Begriff der landesüblichen Sprache einführen, so daß neben Polnisch, je nach der Landschaft, Deutsch und Jiddisch, oder Lettisch und Deutsch oder Kleinrussisch und Jiddisch die Behördensprache bilden müßten. Nach den Sprach Verhältnissen sollen Provinzen gebildet werden,- und zwar mit tunlichster Berücksichtigung des historisch gewordenen Charakters einzelner Landschaften. Er schlägt ein polnisches, litauisches, weißrussischos, kurisches and ruthenisches Vcrwaltungsgebiot vor, wobei das polnische in eine Reihe von Verwaltungsgebieten aufgelöst werden müßte. Die innoro Verkehrssprache' der Behörden^ und die Verhandlungssprache der Volksvertretungen würde die überwiegende Landessprache sein, und den Gemeinden würde eine weitgehende Autonomie bezüglich ihrer Verhandlungssprache zustehen. Die Wahlrechtsfrage will er durch ein System von nationalen Wahlmatrikeln in Verbindung mit der Verhältniswahl lösen. Auch innerhalb der Nationsmatrikel würde nach Listen nach dem System der Verhättniswahl gewählt werden müssen. Einen besonderen Abschnitt widmet Gothein der J u d e n f r a g e. Kr stell! fest, daß die Juden in Polen nach Sprache, Kultur und eigenem Wollen in ihrer überwiegenden Mehrheit eine Volksgesamtheit bilden und die Assimilation an das Polentum — die er im Kulturinteresse für wünschenswert hält — wenig praktische Aussichten auf Verwirklichung bietet. Sehr richtig bemerkt er. daß es zwar keineswegs notwendig ist, sie in politischer Hinsicht als Nationalität anzusprechen und für sie eigeno nationale Wahlkataster zu schaffen, sofern man für alle Wahlen das System der Verhältniswahl einführe, daß aber praktisch eine solche Regelung der Sache von der nationalen Anerkennung sich nicht unterscheide. Denn die große Menge werde sich nach wie vor als jüdische Nationalität fühlen und eigene Wahllisten aufstellen. Er weist dann auf die großen wirtschaftlichen und sozialon Probleme hin, die nach dem Friedensschluß von dem neuen Staat für die Juden zu lösen sein werden. Als dringendste Aufgabe sehlägt er vor, die jüdischen Heimarbeiter zu Fabrikarbeitern zu machen, indem man in jüdischen Fabriken die Sonntagsarbeit gestattet, eine umfassendo landwirtschaftliche Kolonisation ins Werk zu setzen und ausgebildete Landarbeiter in geschlossenen jüdischen Kolonien anzusiedein. Die Eignung der Juden zu tüchtigen Landwirten hält er für durchaus gegeben. In der Umgebung der größeren Städte und Industriezentren hält er die Schaffung von Gemüse- und Obstgartnerüien sowie die Schaffung von Milchwirtschaften für ein dringendes Bedürfnis. Den zionistischen Auswanderungsbestrebungen nach Palästina stoht er im wesentlichen ablehnend gegeuüber. Das Ostjudenproblem hält er nur im Laude selbst für lösbar. Im allgemeinen politischen Teil folgt dann eine eingehende Darstellung der Wirtschaftslage. Aus den zahlreichen Daten ergibt sich, daß zum mindesten Kongreß-

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