Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 13 (10.4.1917)
- Article
- Deutschtum und Judentum
- Date
- 1917-04-10
- Page
- Seite 373 (sequence 2)
- Language
- German
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373 sind solche darunter, die geeignet wären,'uns recht wichtige Aufschlüsse •ah geben. Die herangezogenen Beobachtungen sind, bis sie zu uns kamen, durch zahllose Siebe der Verallgemeinerungen und Vereinfachungen gelaufen. Das Bild von den Sieben ist dabei unvollkommen. Denn nicht nur mechanische Veränderungen (Gruppierungen, Ausmerzungen usw.) wurden am Stoffe vorgenommen, sondern auch sein innerer Bau wurde verändert und seine Elemente wurden zersetzt (durch bewußte oder unbewußte Fälschung und Mißdeutung). Wer kann heute in einem geschichtlich so bewegten Zeitalter nicht mißtrauisch gegen die Geschichte werden, wenn er es nicht schon bereits war? Geschichte ist viel zu sehr Gesinnung»- und Glaubenssache, als daß man in ihr eine Spiegelung objektiven Geschehens erblicken dürfte. Niemals werden wir recht wissen, wieviel Spuren von „Richtigkeit41 das aus der Vergangenheit Berichtete enthält; ja, man kann nicht einmal deutlich sagen, was man unter Richtigkeit in der Geschichte verstehen soll. Wer Geschichtsphilosophie treibt, greift aus einem ungeheuer großen Tatsachenhaufen einige Ketten von Begebenheiten und Beziehungen heraus, die er für wesentlich hält. Seine Auswahl geschieht völlig subjektiv und, wie gesagt, in starker Abhängigkeit von früheren, gleichfalls mehr oder weniger subjektiven Abstraktionsversuchen. Da es immerhin nicht ganz überflüssig ist, Geschichtsphilosophie zu treiben, wenn sie auch die unwissenschaftlichste aller Wissenschaften ist, so brauchte man vielleicht ihre schweren Mängel nicht bloßzulegen, wenn nicht infolge des Krieges die Willkür auf diesem Gebiete der Spekulation empörenden Umfang erreicht hätte. So aber muß man feststellen: Die Ergebnisse solcher geschichtsphilosophischen Spekulationen sind last immer auf ganz anderem seelischen Wege schon vor der historischen Synthese gewonnen, sie sind gewollt und sollen nachträglich ein? Stütze durch angeblich „voraussetzungslose" Forschung erhalten. Da <lic Geschichte zahllose Tatsachen und Beziehungen aufweist, findet sich auf diesem unabsehbar weiten Felde immer Material für die Zimmerimg eines Fundaments historischer Spekulationen. Es geschieht infolgedessen häufig, daß eine Spekulation durch die andere widerlegt wird. Auch für die dem ersten Ergebnisse entgegengesetzten Schlüsse finden sich geschichtliche „Beweise4'. Diese Thesen haben also den Wert oder Unwert von Glaubensbekenntnissen, sie sind in Wahrheit unbeweisbar. Daraus ergibt sieh die Folge, daß die Geschichts,,phiiosophieu (in ihrem heutigen Zustande, und im Gegensatze zur exakteren Soziologie) keine Allgemeingültigkeit beanspruchen darf. In den besseren Fällen haben ihre Lehren den (für die Forschung bisweilen nicht geringen) Wert von vorläufigen Hypothesen und Orientierungsversuchen, die vom Autor der Verbesserung dringend empfohlen werden sollten. Ferner erscheinen mir die meisten Auseinandersetzungen über Deutschtum oder über Judentum darum problematisch, weil sie idealistischer Herkunft sind. Der Idealismus hat (wie man ihn auch verstehen