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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-25 · Heft 12 (25.3.1917) · p. Seite 361

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 12 (25.3.1917)
Article
Heinrich Heine, der deutsche Jude [Rezension]
Date
1917-03-25
Page
Seite 361 (sequence 2)
Language
German
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361 Leuto zu besonders scharfen Spöttern gemacht, sondern die auch dem ganzen Volke — verstärkt^ durch die körperliche Inzucht — diese bemerkenswerte Note aufgeprägt haben. Dem Juden, dem mißhandelten Knechte, war es nicht erlaubt, seiner Meinung freien Ausdruck zu geben, die Christen haben ihn gezwungen, siel) in Worten zu verstecken, hinter harmlosen Gedanken sedno ganze aufgespeicherte Wut über die schamlose Unterdrückung erraten zu lassen. Nur so dürfen wir einen satirischen Spott eines Heine, Börne, usw. auffassen. Sicher leidet auch heute der moderne Jude noch unter diesem geistigen Zwang und hat so eine besondere Neigung, mit Spott eine Sache zu bekämpfen, aber doch merkt man auch hier immer mehr, wie sich das moderne Judentum in seinen geistigen Vertretern einer rein abstrakten Anschauung zuwendet, so daß es ein überwundener Standpunkt ist, zu behaupten, „in der bitteren Ironie des deutschen Juden, in der der Schmerz nachzittert und der Haß klingt", sei nichts von dem Befreienden und Erhebenden der Satire der anderen Völker zu spüren. Für Heine mag (las gelten, für uns Juden des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Weil zu einem Balde eines antijüdischen Heine die hebräischen Poesien nicht recht passen, so geht Fischer ziemlich kühl über diese Gedichte. Er, der es sonst wirklich versteht, aus einem Gedichte den Wcsensinhalt herauszuholen und mit ein paar kräftigen Worten zu skizzieren, versagt hier vollends. Und gerade diese Gedichte sind es, die den ganzen Juden Heine erkennen lassen. .Hier geht er auf in der Geschichte seines Volkes, er erlebt jede Peinigung, jeden Peitschenhieb, aber auch jedes Aufatmen, jedes frohe Jauchzen mit. Ein Gedicht wie die Prinzessin Sabbath, das Fischer überhaupt nicht erwähnt, das kann nur ein Jude dachten — genau so wie dieses Gedicht nur der erleben kann, dem ein Freitagabend nicht erst durch ein Schnitzlcrsches Theaterstück zum Erlebnis wurde, sondern der selbst diese unvergeßlichen Stunden der Weihe tausendmal gefühlt und immer von neuem wieder von dem mystischen Zauber dieses Feiertags bezaubert wurde. Auch hier ist Heine nicht der moderne Jude. Wer kennt denn von uns noch .diesen Abend in seiner wirklichen religiösen Schönheit? Wer von uns — vor allem uns Großstadtjuden — vermag a.m Samstag sich wirklich so vom Alltag freizumachen und nichts anderes zu sein als ein glaubiger Mensch? Ich behaupte nicht, daß durch den Verlust dieser Mystik das Judentum als solches gelitten habe, aber nicht zu leugnen ist, daß alle — und zwar am meisten diejenigen, bei denen Philosophie an Stelle einer Religion getreten ist — dankbar wären, wenn sio wieder gläubig vor ihre Eltern treten und über sich den Segen aussprechen lassen könnten. Das hat Heine gefühlt, und dem hat er Ausdruck gegeben in Worten, die nur ein Jude zu sprechen vermochte, dem das jüdische Empfinden die tiefsten und innigsten Gefühle immer und immer wieder von neuem hervorquellen ließ und zum Juden machte. Dafür hat Fischer keinen Sinn. Ja, der Heinesche Satz: „Die Geschichte der neueren Juden ist tragisch, und schriebe man über dieses Tragische, so wird man noch ausgelacht — das ist das Allertragischste" — ist schon richtig. Doch kann man ihn verschieden auf Heine anwenden; Heine ist nämlich nicht zwischen dem Kampfe einer Sehnsucht und »ihrer Nichterfüllung. Heine wollte gar nicht hinauswachsen aus dem Judentum. Er wurde nur deshalb ausgelacht, weil er Judo war — das heißt, er wurdo von der antisemitischen Presse in seinen Unarten als Jude bezeichnet, nie aber suchte man ihn deshalb zu bekämpfen, weil er nicht Jude sein wollte. Wo ist also diese Tragik? Nicht in seiner jüdischen Persönlichkeit, sondern in seinem Menschtum. Daß dieser zarte, kranke Körper gezwungen war, sich mit schmutzigen Schmähschriften zu beschäftigen, daß seine Familie ihm, dem Großzügigen, jeden Heller vorrechnete, daß man ihn, der voller Sehnsucht nach Deutschland sah, zum Verräter an der deutschen Sache stempelte, das ist die Tragik in Heines Leben. Und so zerfällt auch die Quintessenz des

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