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Neue jüdische Monatshefte · 1917-03-25 · Heft 12 (25.3.1917) · p. Seite 360

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 12 (25.3.1917)
Article
Heinrich Heine, der deutsche Jude [Rezension]
Date
1917-03-25
Page
Seite 360 (sequence 1)
Language
German
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360 ©[10011(10030300 Literaturbleitt 003000113003 Heinrich Heine, der deutsche Jude Unter diesem Titel ist eine kleine Schrift von Max Fischer erschienen *), die es verdient, daß man sich etwas eingehender mit ihr beschäftigt. Vor allem, weil durch den flüssigen, gehaltvollen Stil, in dem sie geschrieben ist, das Buch leicht in weitere Kreise kommen kann, die dann das darin Erwähnte als selbstverständlich verallgemeinern werden. Fischer geht von der an und für sich richtigen Stellung desjenigen heutigen Juden aus, der das Judentum als Religion überwunden und der damit jeden festen Boden verloren hat, der ihm Kraft gegen die drohenden Angriffe gibt. Dabei legt Fischer die Ideen, die den heutigen Juden veranlaßt haben, sein Judentum über Bord zu werfen, auch in Heinrich Heine hinein; und das ist grundfalsch. Vor allem stammt Heine aus einer ganz anderen Zeit. An anderer Stelle, an der ich überhaupt Hoines Stellung zur Philosophie zu betrachten habe, werde ich genauer zoigen, wie sehr Bein ganzes Denken auf philosophischem Gebiete völlig in seiner Angehörigkeit zum Judentum verwurzelt ist, wie er nicht den Prototyp eines heutigen Juden darstellt, der durch zwei Ge- . nerationen hindurch zu einem festen Standpunkt in der abstrakten Philosophie herangereift ist, sondern wie Heine das bezeichnende Bild do3 Juden ist, über den plötzlich die Emanzipation wie eine unendliche Fülle gestürzt ist und der noch nicht rocht weiß, wie er sich in diesem gewaltigen Meere schwimmend an der Oberfläche halten oder gar zu einem festen Lande hindurehkämpfen soll. Dementsprechend hat Fischer auch Heines Jugend tendenziös gefärbt, indem er sie uns darstellt als ein Aufwachsen in einer engen Judengasse, deren Bewohner nichts anderes kennen als Geschäfte. Schon Heines Schulunterricht beweist das *) Max Fischor „Heinrich Heine, der deutsche Judo4*. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nuchae., Stuttgart und Berlin 1010. Kart. M. 1.—. Gegenteil. Denn gerade die philosophische Grundlage zu Heines Persönlichkeit wurde in dem Düsseldorfer Lyzeum in einer so freigeistigen Weise von dem Rektor Schallmeycr gelegt, daß er wenige Jahre darauf ohne Mühe auch dem Ideenkreis der Berliner Univers.itätsprofessoren, vor allem Hegels, folgen konnte. Auch Heines Mutter war keineswegs eine Frau, die ihren Sohn in den leeren Gebräuchen eines nicht erlebten Kultes erzogen hätte; da war sie viel zu rtark von Jean Jacques Rousseaus Erziehungsgedanken erfüllt. Sehr gut dagegen versteht es Fischer darzulegen, wie Heine zum Protestantismus übertritt. Obwohl ihn doch hauptsächlich materielle Gründe zu diesem unwürdigen Schritte bewogen, so fühlen wir doch, wie seine Gedanken sich nunmehr in das Religiöse des Christentums hineinverweben und wie — oft nur im Unterbewußtsein — allmählich eine äußere Verschmelzung eintritt. In der Analyse Heinescher Gedichte spielt das. jüdische Element im allgemeinen keinen fördernden Faktor, höchstens daß der Weltschmerz, den Heine ja bei Byron am ausgeprägtesten fand, auf einen Juden stärker einwirken kann, erstens, weil das Mittelalter in den jüdischen Ritus eine Menge von mystischen Dingen hineingelegt hat und dann, weil die aufreibenden Verfolgungen unbedingt ein Volk zu einer Weltanschauung bringen müssen, die das Freudige im menschlichen Leben ausschaltet. Ganz und gar jüdisch dagegen ist Heines Ironio; der Grund liegt nicht allein darin, daß das jüdische Volk in jahrhundertelangem Ghettoleben, abgeschlossen von der freien Kultur der europäischen Völker, in seinem scharfen Intellekt seine einzige Waffe besaß. Damit ist gar keine Erklärung für diesen stark ausgeprägten Zug gegeben. Man muß hier auf das Studium dos Talmuds zurückgehen. Die kasuistische Auslegung jedes Wortes, daß andauernde Grübeln über jeden einzelnen Begriff, der Eifer im Auslegen eines einzelnen Gesetzes— das sind * lauter Dinge, die nicht nur einzelne

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