Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Moritz Manheimer
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 357 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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357 Wenn ich heute hier in diesen Blättern eine Skizze seiner Persönlichkeit zu geben mich bemühe, so geschieht es nur deswegen, weil in ihm sich Judentum und Deutschtum zum wahren Menschentum vereinigt haben. Für ihn gab es den Gegensatz, der die Welt sonst scheidet in Individualisten und Sozialisten (Altruisten) nicht. Sein Lebenswerk war individualistisch auf eigenen Grund gestellt. Aber er hat eine soziale Arbeit verrichtet und bewältigt, wie sie sonst nur große Verbände üben können. Seine Stiftungen, Schenkungen und Vermächtnisse überschreiten den Betrag von Millionen Mark, weitaus das, was üim verblieben ist und was er hinterlassen hat. Die Milliardäre Amerikas mögen mehr Geld für Zwecke des Wohltuns ausgegeben haben und ausgoben, als Moritz Manlieimer, der bei weitem nicht der reiche Mann war, für den man ihn hielt. Mehr Zeit, mehr Lebensbehagen, mehr körperliche Arbeit und Herzblut hat niemand gegeben als er. Die Vorsehung hatte ihm Kinder versagt, und seine Liebe schüttete er wohl deshalb auf die ganze deutsche Menschheit aus, ohne Ansehung des Glaubens, des Berufs und des Standes. Er gab nicht wie ein Reicher, der sich leicht vom Gelde trennt und das Geld hingibt, um sich damit die Seligkeit des Gebens' zu erkaufen; bei ihm war das Geben nur das geringste seiner Opfer, nur ein Teil des Lebenswerks, das er mit seiner Gattin auf sich nahm. Vom frühen Morgen bis in den späten Abend war er tagein, tagaus mit seiner Frau tätig; er recherchierte selbst, sah selbst, daß alles nach dem Beeilten ging; in seinen Anstalten, die hunderte beherbergten, kannte er jeden einzelnen und kümmerte sich um ihn. Sein Reichtum war, wie Ferdusi sagt, eine wärmende Sonne. Moritz Manheimer war Philanthrop nicht im Nebenberuf, sondern im Hauptberuf. Er war Wohltäter der Menschheit von Beruf geworden, nachdem er im Jahre 1872 aus der von ihm begründeten Firma V. Manheimer ausgetreten war und seinen kaufmännischen Beruf aufgegeben hatte. Auf das Wohltun hatte er sein Leben eingestellt. Wio andere sich zu Geburtstagen und Familienfesten Kunstwerke und Kleinodien schenken lassen, so ließ er sich Bettstiftungen in Krankenhäusern und Versorgungsanstalten schenken. Auf dem Grunde seiner Abstammung entfalteten sich jüdische Eigenart und deutsches Wesen zum wahren Menschentum. Er war von deutscher Gründlichkeit und Innerlichkeit, die verstärkt wurden durch die geistesverwandte Eigenart unserer jüdischen Abstammung, ein Held methodischer Arbeit und gründlicher Erfüllung dessen, was er als Pflicht erkannt hatte. Jüdisch war sein Herz, deutsch seine Methode. Geben und Wohltun war ihm nicht der Ausdruck einer freigebigen Laune, nicht die Aufwallung eines guten Augenblicks, sondern Pflicht und Gesetz. Kr gab nicht mit salbungsvollem Aufschlage des Auges, nicht wie der Gläubiger, der Dankbarkeit und Anerkennung erwartet, sondern er gab wie der Schuldner gibt, der eine Pflicht erfüllt, die seine Religion ihm vorschreibt. Er organisierte und methodisierte das Geben. Als er jung war, dachte er der Alten und schuf Altersversorgungsheime. Als er gesund war, dachte er der Kranken und Siechen und schuf Kranken-