Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die innere Lage des polnischen Judentums
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 342 (sequence 8)
- Language
- German
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342 bungen in letzter Zeit Formen anzunehmen, die eine solche Einigung unmöglich machen. Es wird von den deutschjüdischen Initiatoren und geistigen Führern versucht, ihr die Tendenz zu geben, die die jüdische Orthodoxie in Deutschland seit einem Jahrhundert so unfruchtbar hat, werden lassen: die Tendenz reiner Konfessionalisierung, die auf alles Nationale Verzicht leistet. Eine Politisierung der polnisch-jüdischen Massen in solchom Geitse stellt natürlich eine außerordentlich große Gefahr dar: sie würde eine Erstarrung und Ertötung ihrer stärksten inneren Energien zur Folge haben müssen und würde unter äußerer Wahrung der Tradition — die aber zuin größten Teil ihres Geistes und Sinnes beraubt wäre — ihre innere Entjudung herbeiführen. Doch ist zu hoffen, daß die große Masse der jüdischen Orthodoxie Polens sich auf solche Bahnen nicht wird verführen lassen; die vielfachen Widersprüche, die aus den orthodoxen Kreisen gegen die Tendenzen der „Agudas hoortodoxim" bereits laut werden, deuten darauf hin, daß man schon beginnt, die Gefahr dieser Richtung rechtzeitig zu erkennen. Sollte dio „Agudas'4 von diesen Tendenzen nicht abkommen, so ist der Kampf zwischen ihr und allen nationalen Kreisen unvermeidlich, und Aufgabe dieser wird es dann sein, die orthodoxen Massen auf neuer Grundlage zu organisieren. Die Organisierung der jüdischen Masse selbst aber ist — es sei dies zum Schlüsse nochmals betont - Voraussetzung für jede solide und fruchtbare Politik in der polnischjüdischen Frage. Nur wenn das polnische Judentum in seiner Gesamtheit — ich sehe natürlich von jenen ab, die dem Judentum freiwillig den Rücken kehren — ein politischer Machtfaktor geworden sein wird, der seinen Willen zur Wahrung seiner Eigenart und Kultur nicht nur durch heroisches Duldertum und passive Treue, sondern durch aktives Auftreten und tätiges Wirken dokumentieren wird, hat es Hoffnung auf Durchsetzung seiner Forderungen und darf es überzeugt sein, daß es gegen alle Übermacht seiner Gegner und alle Ungunst der Verhältnisse standhalten wird. Hier wie überall gilt eben die erhabene und erhebende Wahrheit, daß das Schicksal eines Individuums wie eines Volkes im letzten Grunde in seine Hand gelegt ist, und der Mensch — ob als einzelner oder als Gesamtheit — über alle äußeren Zufälle und Bedingtheiten hinweg doch der souveräne Herr und Gestalter seines Daseins und Wirkens ist. Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in West- und Osteuropa Von Prof. Dr. Julius Hirsch, Cöln (Fortsetzung) IH. Jeder Leser der vorigen Abschnitte hatte wohl das Gefühl* daß in der pessimistischen Auffassung der jüdischen wirtschaftlichen Zu-