Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 12 (25.3.1917)
- Article
- Die innere Lage des polnischen Judentums
- Date
- 1917-03-25
- Page
- Seite 341 (sequence 7)
- Language
- German
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341 heitlich. Vor allem möchte ich das letztere betonen. Es wird außerordentlich schädlich wirken müssen, wenn diese Politisierung der jüdischen Masse von verschiedenen Gruppen, in verschiedenen Richtungen begonnen wird. Denn damit wird von vornherein der Keim der Zersplitterung* gepflanzt, der bei politisch unentwickelten und undisziplinierten Massen noch sehr viel gefährlichere Früchte zeitigen muß als sonst. Und darüber kann doch heute schon kein Zweifel bestehen: die Lage des polnischen Judentums ist so schwer und kritisch, daß es nur bei unbedingter innerer Geschlossenheit hoffen kann, seine Ansprüche und elementarsten Forderungen durchzusetzen. Nun liegt aber auch kein Grund vor, der ein gemeinsames Zusammenwirken aller zu dieser Arbeit berufenen Gruppen und Kreise unmöglich machen sollte. Ich sehe bis heute drei solcher Gruppen: dio Zionisten, die Volksgruppe und die orthodoxe Richtung, die von den Vertretemi der Freien Vereinigung geleitet wird. Zwischen Zionisten und Volksgruppe bestehen hinsichtlich der gegenwärtigen politischen Arbeit keinerlei JDifferenzpunkte; nur persönliche Kleinlichkeit und politische Unfähigkeit können hier eine Einigung unmöglich machen. Was aber die Verhältnisse dieser beiden — nationalen — Gruppen zur orthodoxen betrifft, so wäre, prinzipiell betrachtet, auch zwischen ihnen ein gemeinsames Zusammenwirken durchaus möglich und notwendig. Denn die Orthodoxie in Polen ist keinesfalls orthodox in westeuropäischem Sinne der Konfession und antinationaler Gesinnung. Das religiöse Judentum dort ist vielmehr wie alles wahrhaft unverfälschte und nichtassimilierte religiöse Judentum ebenso national wie religiös; und die Gefolgschaft, die die orthodoxen jüdischen Massen stets den nationalen Ftihrern leistete — zuletzt erst bei den Stadtratswahlen in Warschau und Lodz —, zeigt, daß sie für eine rein konfessionelle Orthodoxie nicht zu haben ist. Auf der anderen Seite sind auch die nationalen Gruppen keineswegs antireligiös. Man wird nie in einer nationaljüdischen Zeitung in Polen einen Angriff gegen die jüdische Tradition Vmäm können, deren Stärkung und Pflege vielmehr jedem jüdischen Nationalisten — auch wenn er persönlich areligiös ist — als hoher nationaler Wert erscheint; und erst jüngst hat — mir um ein Beispiel herauszugreifen — die Leitung der Warschauer Zionisten sich in einer Resolution dafür ausgesprochen, daß als Grundform der jüdischen Volkschule "der Glieder beibehalten werde. Jene Assimilierung und Enfjudung des jüdischen Lebens, die in Westeuropa bereits eingetreten ist, und zu einem areligiösen, rein nationalen Judentum auf der einen, zu einer antinationalen konfessionellen jüdischen Orthodoxie auf der anderen Seite geführt hat, ist in Polen noch nicht erfolgt; und so besteht dort das ursprüngliche Ghettojudentum in seiner engen, natürlichen Verbindung von nationalem und religiösem Judentum für die überwiegende Majorität noch fort. Es zeigt sich so, daß es sachlich keine Gründe gibt, die eine Einigung aller drei Gruppen verhindern sollten, die das große Werk der Politisierung1 der Masse des polnischen Judentums bereits begonnen haben. Leider beginnt die Entwicklung der orthodoxen Organisatioasbestre-