Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 11 (10.3.1917)
- Article
- Das ganze Jahr betrunken und am Purim nüchtern
- Date
- 1917-03-10
- Page
- Seite 322 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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322 kristallenen Palast habe, den ihr einst König Salomo geschenkt hatte . . Und sie zieht ihn mit, daß er zu ihr in ihren kristallenen Palast mitkomme. Er wankt und geht . . Arn nächsten Morgen war der Porusch verschwunden. Als man das Rabbi Chaim Vital hinterbrachte, sagte er, man möchte das Flußufer absuchen. Und man fand ihn mehr tot als lebendig im Schilfe ... Man rief ihn ins Leben zurück, aber von nun an begann er zu trinken . . . Und Rabbi Chaim Vital sagte, daß das von seiner großen Sehnsucht nach der Königin von Saba käme; solange er trinke, sehe er sie. Man solle ihm das ganze Jahr das Trinken nicht verwehren, das ganze Jahr mit Ausnahme des Tages von Purim; denn am Purim sei ihr eine große Gewalt über ihn gegeben. Daher kommt eben das Sprichwort: „Das ganze Jahr betrunken und am Purim nüchtern." Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft Von Hermann Cohen Der Jude in der christlichen Kultur IL Unter allen Auffassungen des Christentums ist sicherlich die idealste diejenige, welche die Bedeutung des Christentums in der Verherrlichung, der Idealisierung des Leidens erkennt. Die geschichtliche Charakteristik einer Religion kann nur gerecht werden, wenn sie sich von der Dogmatik freimacht und von der Verlegung des Schwerpunktes der Religion in ihre Dogmatik, sofern diese prinzipiell nicht zusammenfällt mit. ihrer Ethik. Das Leiden des Menschen in seinem Leben und Sterben ist ein allgemein menschliches Problem, dessen sich zwar auch die Metaphysik bemächtigt, das aber trotzdem für den schlichten Menschenverstand die unmittelbarste, die brennendste, obzwar dunkelste Frage bleibt. Hegel hat in seiner universellen Charakteristik der Perioden der Weltgeschichte das Christentum die Religion des unglücklichen Bewußtseins genannt. So treffend der Ausdruck scheint, so ist er doch zweideutig, und er wird dem Ernste des Christentums nicht gerecht. Nicht das Bewußtsein ist als christliches unglücklich, sondern das Bewußtsein des Unglücks soll das Christentum auszeichnen. Auch so noch bleibt der Ausdruck zweideutig; denn es wird nicht klargestellt, von welchem sittlichen Gesichtspunkte aus das Unglück gefühlt wird: ob von dem