Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Zwei Tagungen der deutschen Juden - Der zionistische Delegiertentag
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 284 (sequence 1)
- Language
- German
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284 Zwei Tagungen der deutschen Juden 1. Der zionistische Delegiertentag Von Dr. G i n s b u r g, Berlin Der Krieg hat insofern in segensreichem Maße zur Klärung menschlichen Denkens beigetragen, als er Gedanken und ideologische Systeme, die in einer so ganz anders gearteten Zeit entstanden waren, mit Unerbittlichkeit zwang, sich an ihm und seiner anti-ideologischen Wirklichkeit zu bewähren. Von den beiden bedeutsamen interterritorialen Weltorganisationen hat die sozialdemokratische diese Probe anscheinend nicht bestanden; die andere, die zionistische, ist durch den Krieg nur stärker geworden. Hier hat die große Umgestaltung nicht mehr erreichen können, als daß auf nach wie vor unangetasteter. Grundlage nur all jene wirklichkeitsfremden, sinnverwirrenden Unmöglichkeiten abgestreift und all jene unzeitgemäßen Verwicklungen organisch entrollt wurden, die allein in einer so wirklichkeitsfremden Zeit hatten entstehen können, wie wir sie vor dem Kriege durchlebten. Der erste Kriegs-Delegierten tag, den die zionistische Vereinigung für Deutschland für die letzte Dezemberwoche nach Berlin einberief, stand ganz im Zeichen dieser Entwicklung. Der Zionismus hat lange unter einem Dualismus gelitten, der ihm das eigene Vorwärtsschreiten arg behinderte. Klaffend zerfiel er in zwei weit voneinderliegende Teile, die sich schwer vertrugen. Auf der einen Seite entstand jene nüchterne Zwockmäßigkeitspolitik, die ihren Ausgang von der elenden Lage der jüdischen 12-Millionenmassen nahm und welche diesem nationalen Wanderungsproblem durch Überführung der Juden in das eigene, das Urväterland Palästina die vernunftgemäßeste Lösung geben wollte. Sachlichkeit, rationelle Realpolitik, praktische Kolonisationsarbeit lagen auf diesem Wege, verbunden mit dem Streben, möglichst die gesamte Judenbeit von der Richtigkeit dieser Bestrebung als dem einzig zweckmäßigen Ausweg zu überzeugen. Auf der anderen Seite aber entstand jene stets religiöser werdende Hingabe an das eigene jüdische Sein, die sich unbedingt, in absoluter Loslösung von der Realität der Welt zu bewähren drängte und die das unbeirrte Judentum bekannte — nicht weil es zwecknäßig war, sondern aus dem entgegengesetzten Grunde: weil es sittlich geboten war, die weltliche Gebundenheit und das durch Zwecke beengte irdische Treiben durch das Absolute, das ohne Zweck Wirkende zu überwinden. Hier auf diesem, der Politik und der praktischen Sozialarbeit so entrückten Gebiet der Religiosität und Weltanschauung war es Martin Buber, der durch die Macht und den Rhythmus seiner Worte und Gedanken zum Führer einer neuen Generation wurde. Die zionistische Organisation aber mühte sich ab in dem vergeblichen Beginnen, diese beiden Antagonismen im Rahmen einer politischen Organisation zur Synthesis zu führen. Statt zu liebevoll sorgsamer Scheidung schritt sie zu stets engerer Verquickung, und insbesondere Blumenfelds Wirken bestand darin, für diese unharmonische Verbindung eine