Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 10 (25.2.1917)
- Article
- Das jüdische Elend in Wilna im Jahre 1915/1916
- Date
- 1917-02-25
- Page
- Seite 275 (sequence 1)
- Language
- German
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275 Das jüdische Elend in Wilna im Jahre 1915/1916 Von Leo Rosenberg, Berlin Kriegs Wohltätigkeit und Armenpflege erfahren in allen kriegführenden westeuropäischen Staaten eine strenge Sonderung. Man denkt nicht daran, die Kriegsnot mit dem Makel staatsbürgerlicher Entehrung und Rechtlosigkeit zu behalten. Aber auch vom rein wissenschaftlich-objektiven Standpunkt ist man davon entfernt, die anormalen Begleiterscheinungen einer anormalen „Kriegswirtschaft44 als einen definitiven, in sich selbst berechtigten Zustand zu würdigen. Zumindest dem wirtschaftswissenschaftlichen Denken stellt sich eben das Kriegsereignis als eine Naturkatastrophe dar, die außerhalb des Bereiches menschlicher Zweckmäßigkeit und Zwecksetzung steht. Die katastrophalen Erscheinungen des ostjüdischenKriegselends von diesem Gesichtswinkel aus zu betrachten, wäre zweifellos für den Beobachter sehr trostreich. Und doch: ein eindringender Blick vermag hier die traurige Erkenntnis zu erschließen, daß hier Kriegs¬ und Friedenszusttinde unmittelbar ineinander fließen, daß das Kriegselend eigentlich nur eine Fortsetzung des Friedenselends bilde. Stellt doch 'die gesamte ostjüdische Wirtschaftsgeschichte der letzten Jahrzehnte eine ununterbrochene Kette von katastrophalen Ereignissen und Einwirkungen dar. Vier Jahrzehnte bereits vor dein Weltkrieg begann Rußlands Krieg gegen die Juden. Die Jahre 1882 und 1914 bilden zwei eherne Marksteine in der Wirtschaftgeschichte des Ostjudentums. Was dazwischen geschehen ist, steht im Zeichen ununterbrochener Kontinuität. * # * 1808 betrug, den Ergebnissen der JCAschen Umfrage zufolge, die Zahl der auf die P e s s a c h u n t e r s t ü t z u n g e n („Maot-Chitinr4) angewiesenen jüdischen Familien in VV i 1 n a 4.*v*U o7,7 ckr Cusatntzahi der jüdischen Familien der Hauptstadt Litauens. Nach den eben bekannt werdenden Zahlen für das Jahr 191G r) waren vondenet w a 61000 gegenwärtig in Wilna lebenden Juden 30012 .auf die öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. P e s s a c h u n t e r s t ü t z u n g e n empfingen in Wilna im Jahre 1916 36 000 Juden-). Ist dieser Elendsüberschuß von etwa 13% dem Kriegsgott aufs Kerbholz zu schreiben? Für die seit der großen JCAschen Umfrage im Jahre 1898 verflossenen weiteren zwei Dezennien besitzen wir keine Zahlen in bezug auf die weitere Entwicklung des ostjüdischen Armenwesens. Diese Um- J) Nach dem vom „Registrationsburcau" des zentralen judischen Wohltätigkeitsinstituts in Wilna, der „Zcdakn-Gedola", bekanntgegebenen Material, veröffentlicht in der soeben in Wilna in jüdischer Sprache erschienenen ausgezeichneten Sammelschrift unter dem Namen „W i 1 n c r Sammelbuc h", herausgegeben von Dr. L. S c h a b a d. a) Ich entnehme du*s^ Angaben (\vm im „Tue. American Hebrew" (November 1916) veröffentlichten ausfuhrlichen Bericht des Dr. J. L. Magnes.