Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Eine jüdische Volkshochschule in Krakau
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 265 (sequence 2)
- Language
- German
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265 Besucherzahl von 1500. 'Nach dem Kriege soll die Tätigkeit dort wieder aufgenommen werden. Man beabsichtigt auch an anderen Orten Zweigniederlassungen zu errichten. Hoffentlich stellen sich dann genug Kräfte zur Verfügung. — Im Jahre 1913/14 fanden 120 Vorträge statt, außer Konzerten und Kindernachmittagen. Die Besucherzahl betrug 15 527 (50,5 % Manner, 43,5 % Frauen). 58 Vortrage waren in jiddischer, C*4 in polnischer Sprache. Besonders die in jiddischer Sprache (Geschichte der Juden) gehaltenen Vorträge erfreuten sich eines sehr großen Besuches (10175 Besucher). Der Unterricht in den Fortbildungsgruppen fand sechsmal wöchentlich statt (nachmittags und abends). Teilnehmer: 88, meist Madchen. Bemerkenswert ist. daß trotz der kriegerischen Ereignisse die Tätigkeit in diesem Jahre wieder aufgenommen wurde. Toynbee-Halle ist jetzt der einzige Verein in Krakau, wo öffentliche Vorträge stattfinden, und der Besuch ist recht erfreulich. Mögen sich nur Vortragende in größerer Zahl dem Verein zur Verfügung stellen! Wir brauchen dringend Leute, die ein wenig Verantwortlichkeitsgefühl besitzen und es sich für eine Pflicht halten, der jüdischen Masse von ihrer Bildung etwas mitzuteilen; Leute, die auf diese Massen einen erzieherischen Einfluß ausüben, die mit Menschen wie mit Freunden und Brüdern verkehren könnten. Die Losung sollte sein: „Das Verlangen nach unmittelbarer Einwirkung von Mensch zu Mensch, ungeachtet der sozialen Unterschiede, .... eine Kameradschaft zwischen dem Mitarbeiter und dem jugendlichen Mitgliede, die der Eigenart des einzelnen nahekommt und möglichst an allen seinen Freuden. Sorgen und Interessen freundschaftlich teilnimmt11 (Bericht des Hamburger Volksheims 1909/10). Dies ist der Weg, der zur Gründung eines Settlements führen könnte. Es wird auch beabsichtigt, die Toynbee-Halle in ein jüdisches Siedlungsheim umzugestalten, damit diese Institution zum geistigen Zentrum des Krakauer Judentums werde, damit von ihr ein Licht ausgehe auf diejenigen, denen der Glaube an den Geist des Judentums abhanden gekommen ist und die sich unter der Knechtschaft von allen sozialen Pflichten losgesagt haben, um in einer unschöpferischen Exklusivität zu vegetieren. I. R. 00 03 00 00 Umschau der Presse 00000001] Ludwig Qucsscl über die naiionalkuliurelle Autonomie In der letzten Nummer der „Sozialistischen Monatshefte" (Nr. 2 vom 31. Januar 1917) behandelt unser Mitarbeiter, Herr Dr. Ludwig Quessel. die Frage der „Nationalen Bewegung". Wir entnehmen den überaus interessanten Ausführungen folgende Sätze über die nationalkulturelle Autonomie: „... Die Lösung der europaischen Naüonalitätenprobleme wird menschlicher Voraussicht nach nicht im Krieg, sondern im Frieden erfolgen. In fast allen Fällen ist eine wirkliche Lösung der noch vorhandenen Nationalitätenprobleme auch nur durch ■Friedensarbeit möglich. So könnte den kleinen Nationen des Ostens mit der Schaffung selbständiger Kleinstaaten auch gar nicht geholfen werden. Wie man auch die Grenzen unter ihnen festsetzt, immer wird ein erheblicher Teil der Nationen außerhalb ihrer staatlichen Gemeinschaft bleiben. Dazu kommt, daß die auf diese Weise entstehenden Zwergstaaten weder wirtschaftlich noch kulturell leistungsfähig wären. Nicht staatliche Selbständigkeitt, sondern national -kulturelle Autonomie kann hier z u einer wirklichen Lösung des N a t i o n a 1 i t ä t e n p r i n - z i p s f ü h r e n. National-kulturelle Autonomie bedarf, wie besonders betont werden muß, keiner gesonderten territorialen Unterlage. Sic läßt die * territoriale Einheit des Landes bestehen und gibt doch" allen Nationen Raum zur Entwickeln ng. Sie stellt daher die einzige Lösung der Nationalitätenfrage für Völker dar, die neben- und durcheinander dasselbe Territorium