Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Eine jüdische Volkshochschule in Krakau
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 264 (sequence 1)
- Language
- German
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264 Eine jüdische Völkahodtsthutc in Krakau Ein Brief Jahre unseres Jahr- Die ersten Jahre unseres hundorts kennzeichnet ein Durst nach Wissen und Bildung, eine große Sehnsucht nach der Bekanntschaft mit den kulturellen Werten der Vergangenheit und Gegenwart. Und die Jugend ist es besonders, die voll Enthusiasmus und Reinheit dem Lichte und der Freiheit entgegengeht. — Die Jahre 1904/07 sind bei uns die Jahre der Selbstbesinnung, Jahre des Werdens und Schwärmens. Die Jugend greift zur Bildung, studiert Natur- und Sozialwissenschaften, Ökonomie und Literatur. Zum Teil ist dies eine unbewußte Reaktion gegen die Verbildüng durch die Schule. Es entstehen Jugendvereine, deren Ziel Selbsterziehung ist. Man will sich mit den Problemen des modernen Lebens vertraut machen, zumal, da die Schule dieselben fast völlig unberücksichtigt läßt, und statt die Jugend selbst in die Mitte des schaffenden Lebens zu stellen, sie nur mit der Tradition und Geschichte nährt. Um diesen Durst nach allgemeiner Bildung ein wenig zu stillen, schritt man zur Gründung volkstümlicher Universitätskurse, die in den Jahren 1904/07 einen enormen Aufschwung zu verzeichnen haben. Die größten Persönlichkeiten und Gelehrten stellten sich dieser Bewegung zur Verfügung und dies zog die Jugend um so mehr an. Allgemeine, universelle Bildung! Dies war die Losung. Man besann sich jedoch genug früh, daß man auch Jude sei. Die volkstüm- - liehen UniversiUitskurse wollten nur bilden, aber unbewußt haben sie auch ihre Hörer erzogen: zur polnischen Literatur und Kunst, zum polnischen Gemeinschaftsleben. Womit unterschied sich dort der Judo vom Nichtjuden? Die tiefsten nationalen Unterschiede waren dort — nicht etwa ausgeglichen und überwunden —, sondern verwischt. Man besann sich darauf, daß jede Nation ihr spezifisch Nationales hervorheben muß, denn nur die Mannigfaltigkeit der Bildung und des Lebens kann uns bereichern und zum besseren Verständnis und gegenseitiger Kenntnis der auf einem Boden zusammenlebenden Nationen beitragen. Ein Jude mit bloß universeller Bildung hört auf Jude zu sein. Er muß zwar europäische Bildung besitzen, er muß sie jedoch mit dem jüdischen Geist durchtränken und das spezifisch Jüdische in seinem Denken. Wollen und Tun hervorheben. Man hat dies glücklich eingesehen und einige Krakauer Zionismen beschlossen, in einem Judenviertel einejüdische Volkshochschule zu gründen. Sie nannten sie „Toynbee- Halle, Verein zur Förderung der Bildung unter den Juden". Und es erwies sich, daß diese im Jahre 1904 gegründete Institution notwendig war, daß die jüdischen Massen nach Bildung und Wissen lechzten. Diu Sehnsucht vieler nach echt jüdischer Bildung war zum Teil gestillt. Wenn Zahlen wirklich sprechen, dann reden sie hier eine beredte Sprache. Eine fünfmonatliche Tätigkeit im Jahre (die Vortrüge, Fortbildungskurse und Sonntagsunterhaltungen für Kinder dauern vom November bis Ende März) weist mehr als 15 000 Besucher auf. Die Sonntagsunterhaltungen versammeln etwa 300 Kinder, die in warmen Räumen und im freundschaftlichen Verkehr einige Stunden bei Spiel. Tanz und Gesang verbringen. Zuerst fanden die öffentlichen Vorträge dreimal wöchentlich statt (im Jahre 1908/09 60 Vorträge, 1911/12 80 Vorträge, die folgende Themen behandelten: 19 Geschichte der Juden, 24 Literatur und Kultur, 10 Recht, 8 Naturwissenschaften, 7 Ökonomie, 1 [!] Erziehung usw.). Die große Besucherzahl veranlaßte den Vorstand der Toynbee-Halle zur Ausdehnung der Vorlesungen, so daß im Jahre 1912/13 — 6 Vorträge wöchentlich stattfanden, im ganzen 210 samt einem Samariterkurs und den Fortbildungsgruppen (Deutsch. Polnisch, Korrespondenz, Stenographie und Buchführung). — In diesem Jahre wurde auch eine „Exposition" in Chrzanöw gegründet, wo 18 Vorträge stattfanden mit einer