Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 9 (10.2.1917)
- Article
- Judentum und Judenheit
- Date
- 1917-02-10
- Page
- Seite 240 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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240 nicht genügen. Denn wenn auch das Judentum Glaube und Idee ist, so besitzt es doch eine konkrete Gestalt, die einer Organisation^ einer Gemeinde. Was der Mensch tinter seinen Mitmenschen, ist sie unter anderen auf gleicher oder ähnlicher Grundlage erbauten Gebilden, und wenn die Gleichberechtigung den Zwiespalt zwischen Judentum und Judenheit überbrücken soll, ist es selbstverständlich, daß sie sich auf beide Teile erstrecken muß. Ist das Judentum nicht gleichberechtigt, so lebt die Dissonanz sofort wieder auf. Freie Menschen ertragen die Zurücksetzung einer Gemeinschaft, der sie angehören, ebenso schwer wie unfreie ein Martyrium. Und darin, daß die Juden zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts dies nicht klar erkannt haben, daß sie nicht das Geschenk der Emanzipation — ein solches war es — mit der Forderung nach Gleichstellung des Judentunis und kräftigem auf dieses Ziel gerichtetem Streben beantwortet haben, liegt der Quell der traurigen Erscheinung jener Zeit, der Massentaufen, der Flucht aus der Gemeinschaft, die die deutsche Judenheit in ihren Grundfesten, erschüttert hat. Die Emanzipation, die den Zwiespalt hätte lösen können, hatte ihn in Wahrheit nur noch vertieft, indem sie das Judentum von der Gleichberechtigung ausschloß. Auch in den Gegenwartskämpfen, die um die rechtliche Gleichstellung ausgefochten werden, hat die Nichtbeachtung des Judentums zu mancherlei Verwirrung und zu schweren Schäden geführt, die in gewissen Kreisen sogar zu einer Anzweiflung des Wertes des Gleichberechtigungsstrebens überhaupt geführt, haben. Der politische Liberalismus, der auf einen großen Teil der deutschen Juden aus sehr erklärlichen Gründen großen Einfluß hat, vertritt in der Judenfrage durchaus die Ideale des Emanzipationszeitalters. Er will die individuelle Freiheit des einzelnen Juden, will für ihn Recht und ungehemmte Betätigungsmöglichkeit für seine Fähigkeiten. Für die Gemeinschaft, das Judentum, hat er aber kein Interesse. An seinem Bestehen und seiner Zukunft liegt ihm nicht das geringste. Man kann sogar sagen, daß diese Gleichgültigkeit allmählich einer sachlichen Gegnerschaft Platz gemacht hat. Der politische Liberalismus sähe es gewiß am liebsten, wenn es gar kein Judentum gäbe, das Voraussetzung und Veranlassung von so unbequemen und undankbaren Problemen ist. Nun wird dieser Standpunkt von Kreisen vertreten, die in ihrer großen Mehrheit der jüdischen Religion nicht angehören, von denen man also ein tieferes Eindringen in seine Fragen und Begeisterung für seine Zukunft gar nicht verlangen kann. Wenn aber auch einer großen Masse von Juden der Gleichberechtigungskampf in der Freiheit des Individuums gipfelt, wenn dieses Ziel überhaupt die Judenfrage wird, dann muß notwendigerweise das Judentum einen fühlbaren Schaden erleiden. Die Beziehungen des Juden zu seiner Umgebung und zum Staate sind nicht durch ein rein mechanisches Rechtsverhältnis charakterisiert. Die Gleichberechtigung ruht nicht nur auf der objektiven Grundlage der gleichen Pflichterfüllung und der restlosen Eingliederung in die