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Neue jüdische Monatshefte · 1917-02-10 · Heft 9 (10.2.1917) · p. Seite 239

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 9 (10.2.1917)
Article
Judentum und Judenheit
Date
1917-02-10
Page
Seite 239 (sequence 3)
Language
German
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239 leicht, Schmach und Not zu tragen. Eine Judenheitsfrage wurde in der großen Masse nicht empfunden. Bäumte sich in manchen Seelen das Bewußtsein des Rechts auf individuelle Lebensharmonie gegen die überragende Macht der Leid schaffenden Idee auf, so gab es nur den einen Weg der Lösung, der aus dem Machtkreis der Religion gänzlich hinausführte, die Tauf e! Diese individuelle Lösung der Judenfrage blieb bis in das neunzehnte Jahrhundert hinein die einzige. Sie trug aber den Stempel des Schimpflichen. Eine Rechtfertigung für .sie gab es nicht, und auf die Empfindungen der Gesamtheit konnte dieser Lösungsversuch nicht einwirken. Das vom Geiste der französischen Revolution durchwehte noun- , zehnte Jahrhundert griff mit fester Hand auch in die jüdische Entwicklung ein. Die Erklärung der Menschenrechte, das beginnende» Selbstbewußtsein und die damit wachsende Empfindlichkeit der Seele machten, daß das Judenleid immer stärker empfunden wurde, obwohl es sich vielleicht in Wirklichkeit verminderte. Und die so durch das gesteigerte Gefühl vom Eigenwerte und vom Rechte auf Eigenglück geschaffene Judenheitsfrage wurde dadurch besonders ernst, daß der Macht der Religion ein furchtbarer Stoß versetzt worden war. Die Zeit hatte sie aus ihrer beherrschenden Mittelpunktstellung verdrängt, in der alle Glieder der Kultur von ihr abhängig gewesen waren, und hatte sie zu einer den vielen anderen Gebieten gleichwertigen Kulturerscheinung herabgedrückt. Das Juden t u m verlor seine frühere Zaubermacht, und die Wünsche der Judenheit herrschten unumschränkt! Hatte nun jenes durch seine einseitige Betonung ferner Zukunftsideale gewiß den Sinn für das Wirkliehe, die gesunde Grundlage menschlichen Strebens nur zu oft gefährdet, so bedeutete die neu geschaffene Lage die Auflösung! Traten Judentum und Judenheit in einen ernstlichen und dauernden Gegensatz, so war es ihr Schicksal, sich gegenseitig zu vernichten! Unter diesen Umständen gewann die Emanzipatio n auch für i n n e r jüdische Fragen eine große Bedeutung. Ursprünglich ein Produkt der Ideen des Revolutionszeitalters, eine von außen an die jüdische Gemeinschaft gelangende Bewegung berührte sie mit ihrer Forder u n g — der Kulturanpassung des einzelnen an die Umgebung und der Einfügung aller Kräfte in die Nationalkultur — die Schwierigkeit nicht, wohl aber mit dem für die Erfüllung dieses Verlangens verheißenen L o h n! Denn der bestand in der rechtlichen Gleichstellung! Der Rechtlosigkeit der Juden entsprang ja der Konflikt zwischen Judentum und Judenheit, zwischen ewiger Idee und zeitlichem Wohl. Die durchgeführte Emanzipation gestattete die Hingabe an die Ideale der Gemeinschaft, ohne daß wegen der Zugehörigkeit zu ihr Anfeindungen zu befürchten waren. Völlige Gleichberechtigung wurde somit eine für die Zukunft der Juden unerläßliche Voraussetzung. Die Emanzipation ging von der Grundlage der Menschenrechte aus, sie kannte nur Individuen, deren Freiheit und Glück. Für die jüdische G e m e i n s c h af t konnte aber eine solche Erlösung

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