Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-25 · Heft 8 (25.1.1917) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 8 (25.1.1917)
Article
Soziologische Tagebuchblätter
Date
1917-01-25
Page
Seite 233 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908699-2909305--0403-2909346
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

233 schädigt sich selbst, indem er sich die eigenen Bürger entfremdet und verfeindet. Warum gibt es wohl in Malta keine Irredenta, obwohl Italien so nahe und England so weit entfernt ist? Warum ist wohl der Gedanke so lächerlich, daß die Italiener oder Griechen oder Litauer der Vereinigten Staaten ein eigenes Territorium für ihre „Nationalität14 beanspruchen könnten? Warum erlernen sie wohl sämtlich ohne Widerspruch die englische Sprache? Weil der Staat nicht versucht, sie in Dingen zu zwingen, in denen er kein sittliches Recht zum Zwange hat! Weil er sich hütet, als Staat sich in Dinge zu mischen, die nur die Gesellschaft angehen. Hier liegt alle Hoffnung auf die Zukunft Europas . . . QD[ID0Il[ID0I)QI3üIIQI! Umschau 0©ö3[ID®IIDEin] Polen 1. Auf dem Wege zur polnischen Staatlichkeit ist nun ein weiterer Sehritt geschehen. Die Ernennung eines Staatsrats mit den Funktionen eines obersten Verwaltungskörpers des Landes ist erfolgt. Unter den 25 Gewählten befindet sich nur ein einziger Jude, und zwar Herr Kasiemierz Natanson, der den Juden und dem Judentum gleichmäßig fernsteht und lediglich als Vertreter der Börse berufen wurde. Auch hier finden wir wieder dasselbe zielbewußte Vorgehen der Polen, das auf Zurückdrängung des 15 Prozent betragenden jüdischen Elements von allen leitenden Stellen gerichtet ist und den Juden trotz aller schönen Worte eine auch nur entfernt ausreichende Vertretung ihrer Interessen versagt. Besonders bedauerlich bei diesem System ist endlich das schon früher in Galizien mit Erfolg angewendete Prinzip, diejenigen Juden, welche der Masse durchaus fernstehen und gänzlich einflußlos sind, zu Vertretern des Judentums zu „ernennen". Die Polen erklären so ziemlich in jeder Nummer der „Polnischen Blätter" und der Zeitschrift .,Polenu, daß sie Realpolitiker seien. Wir vermögen nicht einzusehen, daß man eine Realpolitik treibt, indem man schon bei Beginn der staatlichen Neuexistenz einen wesentlichen Bestandteil der Bevölkerung des Landes verbittert und entrechtet. Wie auf diesem Wege eine Versöhnung der verschiedenen Volksgruppen herbeigeführt werden soll, ist uns einstweilen unverständlich. Der Staatsrat ist übrigens müder Form nach von der deutschen Regierung ernannt worden. Die Ernennung erfolgte auf Vorschlag der polnischen Parteien. 2. Li einer der letzten Sitzungen der Stadtverordnetenversammlung des Warschauer Magistrats hat der Stadtverordnete Grotowsky eine Redo gehalten, in der er zunächst das Elend der jüdischen Masse beklagt, dann darauf hinweist, daß nur die russische Politik die Juden in einen Gegensatz zu den Polen getrieben habe, weiter die angebliche Agitation der jüdischen Presse im Auslande gegen die polnische Unabhängigkeit feststellt, und endlich aus dem Zusammenhange gerissene Worte aus einem Bericht des Justizrats Dr. Bodenheimer in Köln ihm unterschobene, in Wirklichkeit niemals ausgesprochene Behauptungen zu Angriffen gegen das „Komitee für den Osten" verwertet. Obwohl ,er keinen Kommdntar an diese Worte des Justizrats Dr. Bodenheimer knüpft, ergibt sich aus der Rede, daß er ihn zum Germanisator stempeln will. Die Tendenz dieser ganzen Rede ist äußerst durchsichtig. Sie ist für das Ausland gehalten, denn in Polen selbst kennt man die Verhältnisse zu gut. Zunächst istdie Differenz zwischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.