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Neue jüdische Monatshefte · 1917-01-25 · Heft 8 (25.1.1917) · p. Seite 231

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 8 (25.1.1917)
Article
Soziologische Tagebuchblätter
Date
1917-01-25
Page
Seite 231 (sequence 2)
Language
German
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231 autosuggeriert sich regelmäßig zwangsläufig Motive, die ihm seine, ihm naturgesetzlich aufgezwungene Handlung als strenges Gebot der Vernunft und Sittlichkeit erscheinen lassen. Kraft dieses unzerbrechlichen Gesetzes der Sozialseele erscheint den kämpfenden Gruppen also das eigene Tun immer als vernunftgemäß, edel und gottgefällig — und das Tun des Gegners immer als töricht, gemein und verrucht. Selbst die Räuberbande glaubt für ein höheres Recht gegen das Gesetz gewordene Unrecht zu kämpfen; selbst die Sklavenhalter Amerikas beriefen sich auf Gottes Gebot und hielten ganz aufrichtig und ohne Falsch jeden Abolitionisten für einen verruchten Schurken oder wenigstens einen gemeingefährlichen Narren, der unschädlich gemacht werden müßte; und. alle Rassen- und Klassen Unterdrückung der Weltgeschichte — die kaum etwas anderes ist als Rassen- und Klassenunterdrückung — hat sich immer in gleicher, subjektiv durchaus ehrlicher Überzeugung damit gerechtfertigt, die Unterdrückten seien so niedrig, tückisch und gemein, daß es unmöglich sei, ihnen den Beißkorb zu lösen. In gerade so großer subjektiver Ehrlichkeit haben, das ist unsere Überzeugung, die Briand, Asquith, Balfour, Sonnino die eigenen Motive engelhaft und die unseren höllenhaft geschildert. Sie glauben daran, wahrhaftig, sie glauben daran! Es ist der „inhärente Gruppenwille", der aus ihnen spricht; und wo der Wille spricht, der Herr und Meister, da hat, das wußte schon Schopenhauer, der Verstand, der Lakai, zu schweigen — und schweigt in der Tat. Wer dieses wunderliche Seelengesetz nicht kennt, der hätte Grund, an der Menschheit zu verzweifeln. Die ganze Weltgeschichte muß ihm als ein einziger Kampf von Narren und Verbrechern erscheinen und ist doch, aus kosmischer Weite gesehen, nur ein naturgesetzlicher Ablauf, den sonderbare Vorstellungen begleiten, aber nicht verursachen. Wer aber dieses Gesetz aller Gesetze kennt, der entwöhnt sich der Kindlichkeit, von Schuld und Unschuld zu sprechen; er sieht elementare Naturvorgänge von erhabener Schrecklichkeit und sucht erschüttert, aber ruhig, nach der Formel, die das Element bändigen könnte. * * * Wenn es sich hier um Irrtümer handelt, die man dem landläufigen Tagschreiber und Staatsmann nachsehen muß, weil die Soziologie erst noch eine ganz junge Wissenschaft ist, deren Gesetze nur wenige zu ahnen beginnen, so ist der zweite Irrtum unverzeihlich. Denn hier handelt es sich um Dinge, die der Tagschreiber und landläufige Staatsmann verpflichtet wäre zu wissen. Man braucht uns keine langen Artikel vorzusetzen, um uns zu beweisen, daß die Selbständigkeit sämtlicher Nationen Europas im Territorialsinne, gar im Staatssinne, eine pure Utopie ist. Wir wissen, daß die Sprachstämme an vielen Orten durcheinanderhausen, untrennbar durch ein noch so raffiniert gezeichnetes Netz politischer Grenzen; wir wissen, daß historische Zusammenhänge, wirtschaftliche Notwendigkeiten, strategisches Sicherungsbedürfnis es erzwingen, daß an gewissen Grenzen Teile einer geschlossenen Nationalität abgesplittert und einem anderen als

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