Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 8 (25.1.1917)
- Article
- An den Wassern zu Babel
- Date
- 1917-01-25
- Page
- Seite 220 (sequence 2)
- Language
- German
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220 ließen. Er war Lcvite und hatte als solcher eine Funktion so oft die Kohanim die Gemeinde segneten, eine Funktion, die ihm nicht genommen werden konnte, und auf die er nicht wenig stolz war. Dann seine bezaubernde Stimme. Sobald er den Vorbeter zu begleiten begann, wandten sich alle Betenden ihm zu. Selbst die oberen Zehn an der „Misrach-Wand" lauschten. Außerhalb des Bethauses war er ein armer, gedrückter Mensch, ohne sicheres Einkommen, ja ohne festen Wohnsitz. Denn trotzdem er schon über fünfzehn Jahre in demselben russischen Städtchen wohnte, ohne es je zu verlassen, hatte er doch keine Aufenthalisbewilligung. Nur dank dem „offiziellen Rabbiner"1), dem Arzte und dem Apotheker des Städtchens, die an „maßgebender Stelle" ein großes Wort hatten, wurde Gedalje, der Musikant, von den Behörden im Städtchen gelitten. Rabbiner, Arzt und Apotheker hielten sich nicht wenig darauf zugute. Sie bedurften übrigens seiner. Was wären alle ihre Bälle, die sie für die nichtjüdischen Notabein des Städtchens veranstalteten, ohne Gedaljes Fiedel, der er die reizendsten Melodien zu entlocken wußte. - - Nun geschah es, daß der offizielle Rabbiner seinen Geburtstag feiern sollte, und der böse Zufall wollte es, daß dieser Tag mit dem 9. Ab zusammenfiel. Am „Sabbaih Chason" - der dem Fasttage vorangeht und in Halbtrauer gefeiert zu werden pflegt - wurde diese Nachricht dem Gedalje überbracht mit der Aufforderung, er möge sich für diesen Abend bereit halten. Er war gerade nach dem Mittagessen, hielt Siesta und ließ sich von seiner Frau, die in den „kleinen Buchstaben"2) besser beschlagen war als er, aus dem Volksbuche „Zeenah-Ureenah" vorlesen. Sie las - in weinerlichem Singsang, wie es am „Chason Sabbath" Brauch ist: „Und als die Schergen die Gefangenen aus Jerusalem, Kohanim Leviten und Israeliten, Greise und Greisinnen, Männer und Frauen, fünglinge und Jungfrauen, Kinder und Säuglinge — an die Flüsse Babylons herbeigeschleppt hatten, ließen sie sich dort nieder, taten sich gütlich an den köstlichen Speisen, die sie geplündert hatten und tranken den Wein des Libanon, und als sie genug hatten, befahlen sie den Leviten, ihnen die Lieder des Tempels vorzusingen. Da hüben die Leviten zu weinen an und sagten: Wie können J) „Ko&lony rabin" - der von der Regierung eingesetzte Vertreter der Gemeinde. *) Scherzhafter Ausdruck für Hebräische