Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 7 (10.1.1917)
- Article
- Chawe
- Date
- 1917-01-10
- Page
- Seite 191 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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191 denn nicht ihre Mutter?* — „Wenn du Augen hast", sage ich, „und ihre Mutter bist, warum hast du früher geschwiegen und mir nichts gesagt?" — „Dir sollte ich es sagen?" sagt sie: „Wann bist du denn zu Hause? Und wenn ich dir etwas sage, hörst du denn auf mich? Wenn man dir etwas sagt," sagt sie, „antwortest du mit einem Bibelvers, machst mir mit deinen Texten den Kopf voll und fertigst mich so ab . . ." So spricht zu mir Golde mein Weib, und ich höre* wie sie im Finstern weint .... Sie hat nicht so unrecht, denk ich mir, denn was versteht so eine Frau? Das Herz tut mir weh, und ich kann nicht hören, wie sie weint und stöhnt. Und ich sage ihr: „Siehst du, Golde," sag ich, „du bist mir böse, daß ich für jedes Ding einen Bibelvers habe; ich muß dir auch darauf mit einem Vers antworten; es steht bei uns geschrieben: ,Der Vater erbarmt sich seiner Kinder'. Warum steht nicht geschrieben: ,Die Mutter erbarmt sich ihrer Kinder*? Weil die Mutter was anderes, ist als der Vater! Ein Vater," sag ich, „kann eben anders mit dem Kinde reden! So Gott will, wenn ich sie morgen sehe und mit ihr spreche ..." — „Wenn das nur ginge," sagt sie, „wenn du sie nur sehen könntest und ihn auch. Denn er ist kein schlechter Mensch, wenn auch ein Pope . . . Doch er hat", sagt sie, „mit jedem Menschen Mitleid. Wenn du ihn bittest und ihm zu Füßen fällst, wird er vielleicht ein Einsehen haben. . — „Wen werde ich bitten?" sage ich: „Den Götzenpriester? Ausgelöscht sei sein Name! Ich soll mich vor dem Popen bücken? Bist du verrückt", sag ich, „oder närrisch? Meine Feinde werden das nicht erleben! Denn es steht geschrieben ..." — „Aha," sagt sie, „da fängst du schon wieder an!" — „Was denn hast du geglaubt? Daß ich mich von einer Frau führen lasse?" sag ich: „Daß ich nach deinem Weiberverstand lebe?" In derlei Gesprächen verging bei uns die ganze Nacht. Beim ersten Hahnenschrei spring ich auf, bete das Morgengebet, nehme die Peitsche und gehe, versteht sich, zum Popen. Ihr werdet einwenden, daß ich mich doch der Frau gefügt habe? Wohin habe ich aber denn sonst gehen sollen? Ins Grab? Kurz und gut, wie ich zum Popen auf den Hof komme, empfangen mich seine Hunde mit einem schönen Gutenmorgen. Sie wollen mir meinen Rock zurechtmachen und versuchen, ob die Waden meiner jüdischen Beine für ihre Hundezähne