Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Achad Haam [Rezension]
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 175 (sequence 2)
- Language
- German
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175 indischen Gegenwart. Was der Sammlung den Charakter der Geschlossenheit und Einheitlichkeit gibt, ist die Persönlichkeit des Autors mit ihrer in den bewegten Strömungen und wechselnden Ereignissen des jüdischen Lebens unerschütterlichen jüdischen Grundanschauung. Die Persönlichkeit Achad Haams hat nichts Typisches, aber doch etwas Vorbildliches. Er hat jenes tiefe, umfassende jüdische Wissen, wie es heute fast nur noch den im jüdischen Milieu aufwachsenden östlichen Juden eigen ist — ein Wissen, das nicht nur Sache des Verstandes und des Gedächtnisses ist, sondern Gefühl und Bewußtsein entscheidend bestimmt. Hinwiederum ist er auf Grund einer — bei Ostjuden in diesem Maße seltenen — gediegenen europäischen Bildung imstande, den Problemen i'Udischer Philosophie, Geschichte und ^olitik mit den geistigen Mitteln moderner Wissenschaft beizukommen. Er vereinigt so gewissermaßen Chedcr-Jeschiwah und Universität. Seine Richtung empfängt dieser Geist von einer heißen Liebe zum jüdischen Volkstum. Für dieses arbeitet er, und für diese Arbeit schuf er sich das adäquate Ausdrucks-- mittel, sein zugleich klassisches und modernes Hebräisch; er schuf damit zugleich einen praktischen Beweis seines Licblingsgcdankens: das ist der Gedanke der Lebendigkeit und Entwicklungsfähigkeit der altnationalen jüdischen Kultur. Das Judentum kommt ihm vor der Judenheit. Die Gefährdung der geistigen Werte des Judentums in der fremden Umgebung des Golus ist seine quälendste Sorge: Untergang des jüdischen Geistes ist auch das Todesurteil für die Judenheit. Sein kulturelles und politisches Programm deckt sich nicht mit dem irgendeiner der jüdischen Parteien. Er ist konservativ, aber nicht orthodox. Er ist für die Weiterbildung der jüdischen Tradition, aber er ist ein Feind der liberalen westlichen „Reform4'. Er will Pflege der jüdischen Wissenschaft, aber er lehnt die „Wissenschaft des Judentums" ab. Er begrüßt die Emanzipation und Gleichberechtigung, aber er fürchtet sie, wenn sie, wie im Westen, mit der Assimilation erkauft werden. Er ist überzeugt von der Originalität und Daseinsberechtigung des jüdischen Volkstums auch in der Gegenwart, aber er bekämpft die golusbojahenden Richtungen des Jiddischismus und des Autonomismus. Er verurteilt den Antisemitismus, aber er verurteilt schärfer die von ihm orientierte jüdische Politik: Die „Abwehr41 der Assimilanten und den mit der „ Judennot" sich legitimierenden Nationalismus. Er will die jüdische Wiederbesiedelung Palästinas, aber er ist kein Zionist (im Parteisinn). Er negiert vieles, was anderen teuer ist, aber seine Kritik gipfelt in dem positiven Bekenntnis, das zu wiederholen, zu illustrieren, zu beweisen er nicht müde wird: Wir brauchen eine Heimstätte für den jüdischen Geist. Die Schaffung einer Heimstätte für alle die zerstreuten Juden ist nicht möglich; gefährlicher als das körperliche Golus ist das geistige; die äußere Freiheit allein, die Abschaffung der Bedrückung reicht nicht hin, uns auch innerlich frei zu machen von der moralischen Knechtung im fremden Milieu der Diaspora. Daher muß das Judentum zu seinem historischen Mittelpunkt zurückkehren, um sich dort naturgemäß auszuleben. Hierzu bedarf es nicht eines eigenen jüdischen Staates, sondern es genügt die Ansiedlung einer größeren Anzahl jüdisch gesinnter Menschen, die ungestört in allen Zweigen menschlicher Kultur, in Ackerbau und Handwerk, in Wissenschaft und Literatur sich betätigen. Diese Ansiedlung wird mit der Zeit ein Zentrum des Volkes werden, von dem aus der Geist des Judentums zu allen Gemeinden der Diaspora dringen wird. So wird die Judenheit, auch in der Zerstreuung, eine nationale Einheit. Achad Haain, der mit keiner Partei geht, erlebt die Genugtuung, daß diese seine so viel mißverstandene, befehdete und verspottete, diese? zugleich so nüchterne und begeisternde Lehre vom jüdischen Zentrum sich praktisch zusehends bei allen jüdischen Parteien durchsetzt — in der Palästina arbeit der verschiedenen jüdischen Organisationen. Der „neue Jisehub" wächst — in den Kolonien der A. I. K. 0., den Anstalten des Hilfsvereins der deutschen Juden, den Schulen der orthodoxen Freien Vereinigimg (auch die Agu-