Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1916-12-25 · Heft 6 (25.12.1916) · p. Seite 173

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 6 (25.12.1916)
Article
Aus dem österreichischen Okkupationsgebiet
Date
1916-12-25
Page
Seite 173 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909180--0309-2909224
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

173 Im assimilatorisch - polonisatoriechen Lager mag diese Haltung der Polen peinliche Empfindungen ausgelöst haben, allein in den weiten Schichten der volkstreuen jüdischen Bevölkerung hat das offene Spiel der Polen nichts weniger als verstimmend gewirkt. Im Gegenteil. Die Situation war dadurch von vornherein geklärt, und man wußte, daß man seine Sache auf sich selbst stellen müsse. In L u b 1 i n zumindest, der tonangebenden Metropole des österreichischen VerwaJtungsgebietes, trug dieser Umstand sehr dazu bei, die jüdische Wählerschaft aufzurütteln und eine Einigung aller volkstreuen Elemente herbeizuführen. Neben dem „Bürgerlichen .Jüdischen Wahlkomitee" der Assimilantcn bildete sieh hier bald ein nationales „Jüdisches Volkskomiteo", in dem die auf nationalem Boden stehenden jüdischen Körperschaften in Lublin, der „Jüdisch-demokratische Kulturverein", der „Klub der jüdischen Handwerker", der „Handlungsgehilfenverein" und der „Zionistische Verein" ihren Zusammenschluß fanden. Diese Vereinigung erfolgte auf der programmatischen Grundlage der Warschauer „Volksgruppe". Hauptpunkt des politischen Programms ist die Forderung, n a t i onalkulturcllcr Gleich berech tigungfürdiejüdische Minderheit. — Später, unter dem Zwange der obwaltenden Umstände, kam sogar eine Einigung der beiden jüdischen Wahlkomit c e s, des nationalen und assimilatorischen, auf der Grundlage einer gemeinsamen Kandidatenliste zustande. Bezeichnend ist der Wortlaut der Einigungsresolution: „Die künftigen, die jüdische Gesamtbevölkerung L u b 1 i n s repräsentierenden jüdischen Ratsmänner erkläreTTihre Solidarität mit dem polnischen Volke und anerkennen den polnischen Charakter des Landes. Gleichzeitig aber verpflichten sich die jüdischen Mitglieder des kommenden Stadtrates, die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden wahrzunehmen und jede religiöse * und nationale Rechtsbeschränkung ■ zu bekämpfen." — Eine gl eich geartete Vereinigung aller jüdischen Parteirichtungen kam auch in K i e 1 c c zustande. Dagegen erwiesen sich die Zusammenschlußbestrebungen in Radom und Petri kau als undurchführbar, so daß in diesen Städten zwei jüdische Kandidatenlisten aufgestellt wurden. In -letzterer Stadt hat sich die „Volksgruppe" infolge einer unerwarteten Schwenkung der C h a s s i - dims im letzten Augenblick dazu genötigt gesehen, ihren Anhängern Wahlenthaltung zu empfehlen. — Hingegen ist festzustellen, daß es in dieser Stadt zu einem Zusammenschluß der drei polnischen Parteien (Nationaldemokraten, Unabhängige und P. P. S.) mit dem „Bürgerlich Jüd. Wahlkomitee" gekommen ist. — Die Wahlen selbst begannen am 7. Dezember und werden am 20. d. M. zum Abschluß gelangen. Sie sind Verhältnis- und Kurienwahlen. Die Wählerschaft ist in fünf Kurien gruppiert, von denen zuerst die fünfte (Arbeiter-) Kurie, darauf die vierte, dritte und zweite, und zuletzt die erste wählt. In Lublin gestaltet sich das Zahlenverhältnis folgendermaßen: 1. Kurie — 9 Juden, 168 Christen; 2. Kurie — 4969 Juden, 1186 Christen; 3. Kurie — 229 Juden, 1815 Christen; 4. Kurie — 138 Juden, 627 Christen; 5. Kurie — 1524 Juden, 6959 Christen. So wurde es den Juden ermöglicht, in der 2. Kurie 10, in der 3. Kurie 1, in der 4. und 5. je 2, insgesamt also 15 Ratsmänner zu wählen (von der Gesamtzahl 6<J), obgleich die Juden in Lublin 68% der Gesamtbevölkerung ausmachen. In P e t rj kau wird mit 12 jüdischen Mandaten, in R ad o m mit 18—20, in K i e 1 c e mit 18 gerechnet. Laut den bis zum 15. d. M. bekanntgewordenen Wahlergebnissen in Lublin wurden bis dahin in dieser Stadt fünf Juden gewählt, und zwar zwei in der fünften und drei in der vierten Kurie. (In jüdischen Arbeiterkreison wurde im letzten Augenblick Stimmenenthaltung proklamiert, da man keinen den Vorschriften entsprechenden Kandidaten — so vor allem der Forderung der Beherrschung der polnischen Sprache — finden konnte!) Die polnische Presse beklagt dieses „günstige'4 Ergebnis als einen „Sieg der Juden". Indessen ist dieser „Sieg" auf den Umstand der unerwarteten weitgehenden Stimmenenthaltung auf christlicher Seite zurückzuführen. Im jüdischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.