Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 166 (sequence 1)
- Language
- German
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166' SfreifHchter über jüdische Religion und Wissenschaft 6. Die ethischen und die historischen Motive der Religion Von Hermann Cohen Gegen die ethische Begründung der Religion regt sich immerfort in allen Lagern eine Gegnerschaft, die in ihren Gründen sehr gemischt, ist Im letzten Grunde aber beruht der Gegensatz doch auf der allgemeinen Differenz zwischen der idealistischen und der materialistischen Geschichtserklärung. Dieses Unterschiedes sind sich freilich alle die verschiedenen Gegner der ethischen Wurzel- und Triebkraft der Religion nicht bewußt, aber welchen anderen Gegensatz gäbe es überhaupt gegen die Idee als das vielgestaltige Materielle? Wie man nun in der Geschichte die wirtschaftlichen Verhältnisse als den Urgrund aller Erscheinungen ansieht, aus dem mit Recht und Staat auch alle die anderen geistigen und sittlichen Blüten der Kultur hervorsprossen, als deren eine sogar auch die Religion angesprochen wird, so pflegt man innerhalb der religiösen Erörterungen bald Wunder, bald, wenn diese verschmäht werden, historische Fakta einzusetzen, die, als solche, dem Verdacht des Wunders entrückt werden. Gegen die ethischen Ideen aber macht man die historischen Begebenheiten als reale. Faktoren geltend; und schon allein durch diese Auszeichnung verrät man, daß man die ethischen Kräfte zu blutlosen Abstraktionen herabsetzt. Überall ist es der Unglaube an die objektivierende Bedeutung der Idee, die mangelhafte Erkenntnis von der natürlichen Aufgabe der Idee, alle' wahrhafte Realität zu begründen und zu verbürgen, welche das Mißtrauen erregt gegen die Begründung der sittlichen Kultur überhaupt und in ihr aller Kultur, und so zum mindesten auch der Religion, ausschließlich und letztlich in den Ideen der Sittlichkeit. Die idealistische Geschichtsauffassung beruht auf der idealistischen Naturerklärung. Und wie diese die Natur in logisch-mathematischen Begriffen konstituiert, so sucht auch die idealistische Geschichtsauffassung methodisch analoge ethische Begriffe für alle materiellen Verhältnisse der Wirtschaft mit allen ihren Ausgeburten als Wurzeln nachzuweisen und alle Realitäten der Kultur aus ihren Quellen herzuleiten. Schließlich ist ja ein jedes -historische Faktum nicht an und für sich gegeben, sondern erst durch die historische Tradition hindurchgegangen und aus ihr hervorgegangen. So ist der sogenannte historische Faktor immer zuerst ein geistiger; also ist seine Wurzel doch letztlich dio Idee. Und seine Gültigkeit, als Realität, hängt davon ab, welchen Wert die Idee hat; ob sie ein Mythos, eine poetische oder sonstige Phantasie, eine philosophische Begriffsdichtung oder gar nur eine Sage und Legende ist. Welches Kriterium entscheidet über den Unterschied der historischen Wirklichkeit von der Legende? Kann es ein anderes sein als das Kriterium der Wahrheit? Bei den Problemen der Naturerkenntnis ist dieses Kriterium festgelegt in Logik und Mathematik: Könnte es für die , Geisteswissenschaften ein anderes Kriterium geben, als welches die sittlichen Ideen enthalten?