Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Chawe
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 160 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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160 habe ich verspielt, auf ewig verloren* Wer weiß, ob meine Augen sie je wiedersehen werden ... Höchstens auf der andern "Welt, nach hundertundzwanzig Jahren ... Spreche ich von ihr, ich meine von Hödel, so kann ich auch heute noch nicht zur Besinnung kommen. Ihr sagt, ich soll sie vergessen? Wie kann man einen lebendigen Menschen vergessen? Und um so mehr so ein Kind wie Hödel? Ihr hättet nur die Briefe lesen sollen, die sie mir aus Sibirien schreibt: es schmilzt einem dabei wirklich das Herz im Leibe! Es geht ihr dort, schreibt sie, sehr gut. Er sitzt, und sie arbeitet, wäscht Wäsche und liest Bücher und darf ihn jede Woche einmal im Gefängnis besuchen. Und sie hofft, schreibt sie, daß es hier bei uns so lange kochen wird, bis die Sonne aufgeht und der lichte Tag anbricht; dann wird man ihn und noch viele andere Leute von derselben Art befreien und heimschicken, und dann werden sie erst mit der richtigen Arbeit beginnen und die Welt auf den Kopf stellen. Wie gefällt Euch das? Was? Was tut aber der Herr? Er ist doch, wie man sagt, ein barmherziger und gnädiger Gott, Also sagt er zu mir: „Wart noch ein wenig, Tewje, ich will es so machen, daß du diesen ganzen Kummer vergessen wirst!,. Und so geschah es auch. Hört nur, was ich Euch erzählen werde. Einem andern würde ich es gar nicht erzählen, denn der Schmerz ist groß, und die Schande noch größer! Doch wie heißt es in unserer heiligen Schrift: „Wie kann ich es vor Abraham verbergen?" Hab ich denn vor Euch Geheimnisse? Was ich auf dem Herzen habe, erzähle ich Euch. Also was denn noch? Um eines will ich Euch bitten: es soll unter uns bleiben. Denn ich sage es wieder: der Schmerz ist groß-, doch die Schande, die Schande ist noch größer! Kurz und gut — wie heißt es noch in den „Sprüchen der Väter": „Der Herr, gelobt sei sein Name, wollte sein Volk Israel glücklich machen und gab ihm darum Lehren und Gebote!" Der Herr wollte Tewje einen Gefallen erweisen und segnete ihn darum mit sieben Kindern weiblichen Geschlechts, das heißt mit sieben Töchtern. Und alle sieben sind geraten, klug und schön, frisch und gesund, — ich sage Euch — wie die sieben Tannen! Ach, wären sie doch lieber häßlich und mißgestaltet: das wäre vielleicht für sie besser und für mich gesünder. Denn was taugt ein gutes Pferd, wenn es im Stalle stehen muß? Was hat man von schönen Töchtern, wenn man in einer Einöde wohnt, wo man keinen Menschen zu Gesicht