Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 6 (25.12.1916)
- Article
- Die jiddische Schule in Warschau
- Date
- 1916-12-25
- Page
- Seite 153 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908697-2909175--0281-2909204- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
153 schulen waren ja nur Cheder oder russische Volksschulen anerkannt. Daher war Unterricht im Lesen und Schreiben verboten, Schreibzeug und Bücher durften in den Kinderheimen nicht geführt werden. Jetzt allmählich werden auch die Kinderheime weiter aus Anfangsschulen zu Volksschulen entwickelt. Knaben unjd Mädchen werden zusammen erzogen, doch sind in den höheren Stufen die Mädchen bedeutend zahlreicher, da es noch viele Eltern vorziehen, die Knaben in Chedarim unterrichten zu lassen. Um mich von dem Zustand der Schulen zu überzeugen, besuchte ich einige von ihnen und sah mir ihre Einrichtung mit einiger Gründlichkeit an. Zunächst das Kinderheim des Arbeitervereins Poale- Z i o n. Es liegt in der Vorstadt Praga und ist außerordentlich sauber gehalten. Die Kinder werden in zwei Abteilungen unterrichtet, von denen jede etwa 40 Kinder enthält. Da die Schule erst neu gegründet ist, sind noch nicht alle angemeldeten Kinder zur Stelle. In beiden Abteilungen beschäftigen sich die Kinder mit Handfertigkeitsarbeiten, Gesang und Spiel. DieLehrerinnen sind geschickt und die Kinder überaus heiter und zufrieden. Morgens wird ihnen Milch gereicht, in der Mittagsstunde Suppe und Brot und nachmittags noch einmal, bevor sie nach Hause gehen, Milch. Die Schüler dieses Heimes verstehen wenig Polnisch. Zwei Kinderheime, die mit Volksschule verbunden sind, werden von J. Dinensohn und S. Abramson geleitet. In dem Dinensohnsehen Kinderheim werden die Zöglinge in der Vorbereitungsklasse mit Fröbelspielen beschäftigt. In der ersten Klasse lernen sie Jiddisch, Polnisch, Schreiben, Lesen und Rechnen, in der zweiten Klasse kommt Hebräisch, Religion und etwas Erdkunde hinzu. Es ist beabsichtigt, die Schulen weiter auszubauen. Der hebräische Unterricht stellt eine Konzession der jargonistischen Tendenzen gegenüber den Zionisten dar. Ursprünglich wollte Dinensohn, um die Kinder nicht zu belasten, nur eine einsprachige Jargonvolksschule gründen. Doch ist die Stimmung der Bevölkerung in solchem Grade für den hebräischen Unterricht eingenommen, daß eine Schule ohne Hebräisch in Warschau keine Anziehungskraft ausüben dürfte. Die Abramsonsche Schule hat ebenfalls drei Abteilungen; in der Vorbercitungsklasse werden die Kinder nach den Grundsätzen von Fröbel und der Doktorin Montessori unterrichtet. Sie lernen Größe der Gegenstände, Farbe und Gewichte unterscheiden, müssen Verschiedenes mit geschlossenen Augen durch Abtasten mit den Händen erkennen. In den übrigen Klassen wird wie an der Dincnsohn-Sehule unterrichtet. Wir konnten uns überzeugen, daß dio Kinder bereits in der ersten Klasse gut Polnisch lesen und, soweit wir es beurteilen konnten, g*ut aussprechen. In der zweiten Klasse antworteten sie flott auf hebräische Fragen und waren im Rechnen außerordentlich gewandt. Hervorragend gut geleitet ist die Volksschule von Schweiger, in der 88 Knaben und 77 Mädchen unterrichtet werden. Die Schule besitzt eine Vorbercitungsklasse, in der Jiddisch, Rechnen, Natur-