Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 136 (sequence 2)
- Language
- German
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136 glauben durch: Das Leid ist nicht die Vergeltung der Sünde. Mit diesem Opportunismus hätte der" Mensch nicht als Mitmensch, hätte die Nächstenliebe nicht entdeckt werden können. Die Propheten erhüben sich zu der eigenartigen prometheischen Sentenz: die leidenden Menschen sind die Unschuldigen. Sie hätten aber diese Höhe der sozial-ethischen Einsicht nicht erklimmen können, wenn ihre soziale Gesinnung ihnen den Blick'nicht gelichtet hätte für den eigentlichen Sitz des Menschenleidens in der Armut. Krankheit oder Tod gar, diese Widrigkeiten des Menschenlebens bilden Rätsel für Mystiker und Tlieosophen, und gar die menschliche Bosheit ist das Thema einer dogmatischen Theologie: die ethische Einseitigkeit objektiviert das Leiden in dem sozialen Defekte der Armut. Unter diesen ethischen Gesichtspunkten entstand die Gleichung, welche die hebräische Wortwurzel darbot: die Unschuldigen, die Frommen sind die Armen (Anijim Anawim). Und sie sind die Leidenden am Menschenlos. Das 53. Kapitel des Deutcrojesaja, dieses Wunder monotheistischer Geschichtsweisheit, verknüpft diesen ethischen Tiefblick mit dem messianischen Fernblick auf die Zukunft der Menschheit. Vor einer solchen Offenbarung des sittlichen Geistes schweigt das Erstaunen über die Zaubergewalt der symbolischen Poesie. Der Messias hatte schon viele Aufgaben auf sich genommen, für Israel wie für die Völker; für die Bestrafung, wie für die Wiederherstellung beider; und überall war seine Mission verschlungen mit großen Umgestaltungen der sittlichen Welt. Jetzt aber wird ihm die letzte Mission auferlegt: das Leiden der Menschen selbst soll er, ein neuer Atlas, tragen. Was ist, aus der Warte dieser weltgeschichtlichen Weisheit erspäht, alles Menschendasein mit all seinem edelsten Streben, Hoffen und Haben anderes als eine große Kette des Leidens, nur durch Illusionen des Augenblicks durchbrochen'? So wird der leidende Knecht Gottes zum Stellvertreter der Menschheit. Ihm darf diese Würde zuerteilt werden; er ist der ideale Mensch; denn das Leiden ist nicht das gemeine, sondern das ideale Menschendasein. Die Frommen leiden. Die Annen sind die Frommen. Der Knecht Gottes ist ihr Typus. Er ist daher der Messias der Menschheit. Er verheißt den Armen in dem Ziele der Weltgeschichte ihre Rettung und ihre Erhöhung. Denn Gott ist der Gott der Gerechtigkeit und der Liebe für die Welterneuerung. Die Idealisierung des Leidens hat den gewaltigen Gedanken hervorgebracht, daß das Leiden als eine Stellvertretung fungiere in der Erziehung, welche die Strafgerechtigkeit Gottes vollzieht. Diese Idee ist eine ganz neue Lösung des tragischen Problems. Der Messias, er leidet als Stellvertreter. Daher ist er nicht mehr der König, sondern der Gottesknecht; er leidet für allen Widersinn im Menschengeschlecht. So leidet er für alles Böse, dessen die Menschen fähig werden, und so besonders auch für die Götzendiener. Und in diesem Gegensatze zu den Völkern des Götzendienstes wird endlich er zum Idealbild Israels, des „Restes Israels". An der Leidensgeschichte Israels weissagt der Prophet