Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Tagebuchblätter aus der Flüchtlingszeit
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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135 harten Zeilen betreute, dafe seine Frau sie pflegte und ernährte, dai> die ganze Familie ihr karges Brot mit ihnen teilte - das ist ihm alles so ganz selbstverständlich. Und schon geht er schweren Schrittes hinaus, daß das Zimmer dröhnt und kommt mit Tochter und Enkelkindern, die draußen gewartet hatten, in den Amtsraum zurück. Ich grüße Salme und Mindel, die lebenden Zeugen edler Solidarität der Gedrückten und Zersprengten, ich drücke der beglückten Mutter die Hand und verstehe, wieso unser Volk noch lebt, trotz alledem. Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft Monotheismus und Messianismus von H ermann Cohen II. Wie tief die Idee des Messias die ganze Entwicklung des Monotheismus leitet, das zeigt sich an der Ausgestaltung des Messias im Knechte Gottes. Gunkel hat sich mit seiner Voraussetzung, daß der .Messias keine durchaus zentrale Bedeutung im Prophetismus habe, von vornherein die Disposition zum Verständnis dieses allertiefsten Begriffes, in welchem die prophetische Weisheit schier zum Wunder wird, abgeschnitten. Sein Irrtum zeigt sich schon in der bloßen Unterscheidung zwischen dem Messias, als König und als Gottesknecht. Er sieht nicht, daß diese Unterscheidung eine Höherentwicklung ist. Der frühere Messiasgedanke knüpfte noch an die nationale Erinnerung und an die politische Hoffnung an. Daher galt der „Thron Davids" und der ..Sproß Davids4' als das zulängliche Symbol. Jetzt aber hat der Monotheismus für.das Ziel seiner Weltbezwingung den alten Gedanken durchdrungen, und die gewaltigen Probleme der monotheistischen Sittenlehre stürzen David und seine Nachkommen trotz aller nationalen Pietät vom Throne der messianischen Weltherrschaft. Die sittlichen Probleme des Gottesglaubens sind nun aber nicht etwa die prometheischen oder die faustischen selbst. Nicht um das Recht der menschlichen Vernunft handelt es sich hier, geschweige um den Ausgleich von Sinnlichkeit und Sittlichkeit im Menschenwesen, sondern das eine faustische Motiv allein durchflutet diese jüdische Welt: „Ach an der Erde Brust sind wir zum Leide da." Wie verträgt sich das Leiden der Menschen mit der Liebe, mit der Güte Gottes? Diese Frage ist die Spezialfrage Hiobs. Und wie der Dichter des Monotheismus diese Frage stellt und löst, so erschüttert sie den gesamten Prophetismus, wie auch den Psalmenhymnus. Die soziale Ethik ist die Seele des Monotheismus, die schon im ältesten Mosaismus ihre Lebendigkeit erweist Die alttestamenüiche Theodicee ringt sich daher zu der kühnen Auflehnung gegen den Volks-