Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Tagebuchblätter aus der Flüchtlingszeit
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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134 aus grobem, grauem Zeug, das Kfippchen fadenscheinig, die Wangen rauh, die Hände schwielig. Ein verbauerter, jüdischer Fuhrmann aus der östlichen Karpathengegend. * Warum kommen Sie denn nicht/wenn man Sie vorladet? Sie sind der Eisenbahn nicht behilflich, wenn sie Ihre Sachen beschaffen will, und bewirken selbst Verzögerungen, die Sie schwer treffen." Er blinzelt mir vertraulich zu, als wollte er sagen: Jetzt paß' auf, guier Freund!" und ein breites, gluckliches Lachein erhellt sein Gesicht. „Ich war daheim und hab1 die Kinder gefunden!" ruft er, schlagt mit der Hand auf den Amtstisch, daß das Schreibzeug klirrt und lacht auf, der alte Mann, lacht polternd so recht aus vollem Herzen auf, bis ihm dicke Tränen in den Bart rollen. Sofort sehe ich das Bild seiner Tochter vor mir, die immer mit ihm nachfragen kam und dastand mit roten, ausgeweinten Augen, in ein altes Tuch gehüllt, fröstelnd von schlaflosen Sorgennächten, stumm, abwesend, unbrauchbar für die nötigen protokollarischen Feststellungen, nur immer schwer und müde aufseufzend. Die zwei kleinen Kinder, die man nicht an der Hand führen konnte, weil Rücken und Arme mit Säcken und Ballen beladen waren, sind auf der nächtlichen Schreckensflucht zur nächsten Bahnstation verloren gegangen. Man hoffte, Nachkommende würden sie mitbringen. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Kaum hieß es, daß die Gegend vom Feinde geräumt sei, machte sich der Großvater auf den Weg. Weiß Gott, wie er das angestellt hat. Es durfte ja noch niemand nach Ostgalizien zurück. Der Alte schlug sich durch, nächtigte in Wäldern, hungerte, entging den wachsamen Augen der Feldgendarmen, suchte wie ein Spürhund die ganze, ihm wohlvertraute Gegend ab, traf richtig in einem Dorfe unweit seines Heimatortes die beiden Enkelkinder und brachte Mindel und Salme nach fünf bangen Wochen des Harrens wohlbehalten zur Tochter nach Wien. „Wer hat sich der Kinder angenommen, wo waren sie denn untergebracht?" Da schaut mich der Greis verdutzt und befremdet an. „Beim Juden, Herr, beim Juden!" sagt er und schüttelt den Kopf, ganz erstaunt über meine Frage. Daß der Dorfjude die zwei verlassenen, umherirrenden Kinder bei sich aufnahm, sie fast ein Jahr lang wie die eigenen in diesen