Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Palästinas Untergang
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908696-2909123--0248-2909155- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
132 was für Palästina das wichtigste war: die politische Einheit zwischen Ägypten, Palastina und Syrien blieb gewahrt. Dennoch begann hier ein neuer. Zeitabschnitt für Palästina. Mit der Eroberung des Orients durch die Griechen war ein Zusammenprall gegensätzlicher Kulturen von unerhörter Heftigkeit erfolgt. So verschieden in geistiger Hinsicht die Völker des Orients auch untereinander waren: dem Abendland gegenüber bildeten sie gewissermaßen doch noch eine Einheit, Und alle Kämpfe innerhalb der orientalischen Völker konnten nicht solche unüberbrückbaren Gegensätze zutage fördern, wie sie hier offenbar wurden. Schon darin lag eine Gefahr für den Frieden, und es war nicht wahrscheinlich, daß es zu einem Ausgleich kommen konnte, Dies ward noch dadurch verschlimmert, daß Alexander glaubte, durch eine gewaltsame Assimilierungspolitik die Gegensätze überbrücken zu können, was den entgegengesetzten Erfolg erzielte. Bei Alexanders Tode waren die kulturellen Feindschaften schroffer als je und ein Bestand des Weltreiches war unmöglich: es zerfiel und von neuem bildeten sich drei Reiche: das hellenische im Abendland, das syrisch-seleukidische und das ägyptische. Damit endete eine Epoche des jüdischen Palästinas: in ihr waren all die Gebiete, deren Unabhängigkeit und Feindschaft während der Zeit des ersten jüdischen Staates Palästina so arg zu schaffen gemacht hatte, in einem Weltreich vereinigt. Es war zum Segen Palästina, welches diesem Umstände eine friedliche Entwicklung verdankte. Und es beginnt die letzte Epoche: Palästina, selbst politisch völlig machtlos, eingekeilt zwischen den beiden nun wieder unabhängigen und darum einander erbittert bekämpfenden Nord- und Südreichen. Im großen ganzen also die Situation wie zur Zeit des ersten Staates, nur mit dem doppelten Nachteil, daß die politische Widerstandsfähigkeit eine ungleich geringere geworden war, während sich auf der anderen Seite die kulturellen Gegensätze insbesondere durch das Eintreten des Hellenismus bis zum äußersten verschärft hatten. Völlig widerstandslos war Palästina den Kämpfen seiner Nachbarn ausgeliefert, die sofort mit rasender Erbitterung einsetzten. Wieder war es der Spielball und der ausschließliche Schauplatz des Krieges. Aber die geistige Entwicklung, welche die Juden genommen hatten, machten es ihnen diesmal unmöglich, sich mit der Erkenntnis ihrer unglückseligen Lage abzufinden. Das Judentum war in der zweihundertjährigen Abkehr von der übrigen Welt unter der Perserherrschaft wie eine Treibhauspflanze hochgezüchtet worden — es bäumte sich auf und warf sich dem Griechentum, das so ganz seinen Gegensatz bildete, entgegen. Hier begann zum erstenmal in der Weltgeschichte das grandiose Schauspiel, daß eine geistige Macht Krieg führte und, obwohl an materieller Kriegerkraft bei weitem unterlegen, sich den Sieg errang. Hier standen sich Waffen und Kräfte gegenüber, deren Kampf nicht mehr wie einst durch eine Schlacht entschieden werden konnte. Die gewaltsame Hellenisierungspolitik der syrischen Machthaber, das Verbot der Pflege der eigenen Religion, Sprache und Kultur, die Unterdrückung des jüdischen Geistes