Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Ein Mahnruf
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 124 (sequence 3)
- Language
- German
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124 erwerben und so zu besitzen. Wir hören vielleicht zu oft von der zersetzenden Wirkung, die unsere Umgebung von uns erfährt, als daß wir die fremden Einflüsse wahrnähmen, die in Wahrheit unseren Bestand durchdringen und auflösen. Längst vor dem Kriege sang man uns deutschen Juden das Totonlied, prophezeite uns in düsterem Ton den baldigen Untergang. Taufe und Mischehe bröckelten ja von uns ab; Spärlichkeit und Unfruchtbarkeit der Ehen halfen ihnen das Grab zu schaufeln. Rechnet man die blutigen Opfer hinzu, die wir auf dem Altar des Vaterlandes brachten, überwiegend, ihrer Eltern einzige Söhne, wie ich von der Mehrzahl derer bezeuge, denen ich die letzte Ehre erwies — rechnet man ihre Menge hinzu, was soll aus uns werden? Wie können wir uns behaupten, sucht überdies in irgendeinem Betracht die Geißel der Geschlechtskrankheiten uns heim? Ob dieser Mahnruf nützt, ob er ungehört verhallt, wer will dafür bürgen? Es gibt Fälle, die bedenklicher Schweigsamkeit eine zu schwere Verantwortung aufbürden, die ein offenes, rückhaltloses Wort erzwingen, mag es auch übertrieben ernst und düster sich ausnehmen. Wer in der Gegenwart dem Staat die Mitarbeit weigert, bietet er ihn zum Kampf wider die Gefahr der Geschlechtskrankheiten auf, der sündigt nicht allein am deutschen Volke — gegen das Judentum frevelt er und seine Zukunft. Der Geschichtsquellenwert der älihebräischen Literatur Von Geheimrat Prof. Dr. Ed. König, Bonn (Schluß) 5 Aber müssen die althebräischen Geschichtsbücher nicht auch unter die Lupe der „Kritik" genommen werden? Nun, abgesehen davon, daß in dieser gewöhnlichen Ausdrucksweise ein prinzipieller Fehler steckt, weil auch schon die oben vorgelegten Untersuchungen ein Teil der Kritik waren, ihren positiven Teil bildeten, scheuen wir uns gar nicht, die verschiedenen Operationen der — negativen — Kritik an den altisraelitischen Geschichtswerken vorzunehmen. Allerdings nur kurz braucht hier von der Textkritik gesprochen zu werden. Denn soviel auch von der Unsicherheit gesagt werden könnte, welche durch die freilich neuerdings vielfach überschätzte Jugend der hebräischen Handschriften und die Abweichungen der alten Übersetzungen bedingt ist, so hängt von diesen kleinen Verschiedenheiten doch nur sehr selten die Sicherheit von Momenten des Geschichtsverlaufs ab10). Doch darf hier nicht folgende neuere Behaup- ,0) Meine lieformversuche auf dem textkritischen Gebiete werden überdies in meiner soeben erscheinenden „Hermeneutik des A.T. mit spezieller Berücksichtigung der modernen Probleme" S. 41—53 vorgelegt.