Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 5 (10.12.1916)
- Article
- Ein Mahnruf
- Date
- 1916-12-10
- Page
- Seite 123 (sequence 2)
- Language
- German
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123 was die einzelnen trennt. Klar tritt heraus, was dem anderen mangelt, dem eigenen Besitz zuwider, worin er abweicht und widerspricht, anders geartet, gegensätzlich veranlagt. Besonderheiten und Unterschiede prägen in Schärfe sich aus. Und wie es den Menschen ergeht, so steht es nicht minder um die Dinge, um Erscheinungen und Eindrücke im ganzen. Vieles reckt sich empor, was, früher verkannt oder leichthin übersehen, demütig im Winkel hockte. Daneben drängt manches zum Licht, was, dem Auge wenig erwünscht, in seiner Häßlichkeit bloßgelegt, besser im Dunkeln geblieben wäre. . . . Wenn an" der Front vergleichsweise Ruhe herrscht, komme ich mitunter Wochen hindurch in dies oder jenes Lazarett, ohne einen Kranken, einen Verwundeten zu treffen — noch niemals fragte ich bei einer Gesehlechtskrankenabteilung nach, in der nicht mindestens ein jüdischer Kamerad gelegen hätte. Was gäbe ich darum, pochte ich einmal bei diesen Türen vergeblich an! Bereits in den ersten Monaten des Krieges stieß mich ein Kollege darauf, der in seiner Gemeinde die Lazarette versah. Er wandte sich brieflich an mich, ob wir hier draußen nicht versuchten, auch in jenem Punkt mit scelsorgerischer Bemühung auf unsere Leute einzuwirken. Nun liegen in meinem Bereich die Verhältnisse derart, daß die Mannschaften fast durchweg in Waldlagern hausen, kaum je in Dörfer, geschweige denn halbwegs bevölkerte Städte gelangen. Es handelt sich demnach beinahe ausnahmslos um Ansteckungen, die aus der Heimat mitgebracht werden, teilweise um veraltete Leiden, die, angeblich verheilt, unter den Strapazen des Feldes neuerlich aufbrechen. Eine trübe Erinnerung steigt in mir empor, die jetzt nahezu ein Jahr zurückliegt. Es war im verwichenen Herbst, als in der Champagne die tosenden Wogen der französischen Offensive gegen unsere Stellungen brandeten. Damals fand ich in den Stationen eines Etappenlazaretts an einem Tage vier Kameraden, dem nämlichen Regiment angehörig und mir wohlbekannt vom Feldgottesdienst, drei davon ehrenvoll verwundet in tobender Schlacht. Der vierte war eben vom Urlaub zurückgekehrt: eine Leichtfertigkeit zog ihm die Befleckung zu, die ihn unter die Geschlechtskranken warf. Ich werde nie vergessen, wie er, die Augen voller Tränen, mich beschwor, ich möchte seinen verletzten Kameraden kein Wort erzählen, in welchem Räume ich ihn gefunden. Diese Erfahrung, traurig und beklagenswert an sich, stimmt um so drückender nieder, gedenkt man der heiligen Ansprüche, die voreinst unser Judentum verfocht. Gewiß, wir sind nicht besser noch schlechter als die anderen, Menschen gleich ihnen mit Makel und Fehl Aber reden wir nicht gern von der Reinheit der Sitten, die kraft unseres Glaubens uns überliefert ward? Rühmen wir nicht mit bewußtem Stolz die häus: liehe Tugend, die unter unseren Dächern gepflegt wird, die Obhut des Familiensinnes, der in unserem Stamm seit Jahrhunderten sich edel und lauter erhält? Von ungefähr möchte es anmuten, als berücke uns die Neigung, das Vergangene zu preisen auf Kosten der Gegenwart, mit Gütern zu protzen, die wir von den Vätern ererbten, ohne sie uns zu