Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Sozialpolitik und die Ostjudenfrage [Rezension]
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 113 (sequence 2)
- Language
- German
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113 die Schrift des bekannten Österreich!- I sehen Rechtslehrers und Soziologen j Prof. Dr. Eugen Ehrlich1) zählt j zu dieser sympathischen Gattung, j Die Schrift ist herausgewachsen aus I einem. Vortrag über die sozialpolitischen Aufgaben in der Bukowina, ist aber, besonders in der nun vorj liegenden 4. Auflage, bei der Ähnj lichkeit der jüdischen Verhältnisse in j gaiiz Osteuropa ein wertvoller Bei- | trag zur o s t j ü d i s c h e n So- \ z i a 1 p o 1 i t i k überhaupt. „Man J wird es den östlichen Juden selbst j überlassen müssen, wie sie sieh i national stellen wollen: ob sie noch i eine Annäherung an das Deutschtum j suchen werden, ob sie sich zu einer! eigenen Nation ausgestalten oder j mit den Völkern, unter denen sie wohnen, verschmelzen." Ehrlich ringt! sieh dieses Zugeständnis nur mit! schmerzlicher Resignation ab. Er j bekennt, daß er selbst noch vor kurj zem in den Ostjuden das wertvollste! Bollwerk des Deutschtums im Osten j gesehen hat: nach seiner Überzeuj gung ist es die schwere Schuld des j deutschen Antisemitismus, daß sieh j die Sympathien der Ostjuden un- | widerruflich von Deutschland wegj gewendet haben. „Ich glaube, daß dieser nicht sehr gescheite Studenj tenulk, der Antisemitismus, hier eine ■ verhängnisvolle Rolle gespielt hat, daß er die Deutschen um ein Machtgebiet oder um mindestens eine Eiullußsphäre gebracht hat, die einst vom Böhmerwald bis Odessa gereicht hatte . . Ehrlich unter schätzt hier wohl das Wesen des Gegensatzes „deutsch - jüdisch" und nimmt einige auffallende Äußerungen für den Kern, und er übersehätzt wohl die Wir- 'kungen des Antisemitismus, indem er die ihm als Österreicher näherstehenden böhmischen, ungarischen, mährischen Juden, sowie die jüdischen Oberschichten Galiziens als Repräsentanten der Ostjuden überhaupt nimmt. In Böhmen und Mühren zwar hat sicherlich der deutsehe Antisemitismus zahlreiche Juden den deutschen Parteien und *) „Die Aufgraben der Sozialpolitik im österreichischen Ostentt (Juden- und Bauernfrage) von Prof. ür. Eilsen Ehrlich, 4. Auflage, Verlag Dunckcr & Uumblot, lüH«, 48 S. Preis M. 1,50. vermutlich auch dem Deutschtum entfremdet, aber schon die fortschreitende Magyarisierung der früher dem deutschen Kulturkreis angehörigen ungarischen Juden beruht weit mehr auf der anziehenden Kraft des Magyarentums, mit dem die dortigen Juden sich aufs innigste gesellschaftlich und wirtschaftlich verbunden haben, als auf der abstoßenden Wirkung des deutsehen Antisemitismus. Ferner muß man sieh bei 'der Bewertung der Beziehungen der Ostjuden 'zum Deutschtum vor dem wissenschaftlieh und politisch bedenklichen Fehler hüten, die Deutsch- .sprachigkeit der Ostjuden (das Jiddisch ist ein deutscher Dialekt)'mit einer Zugehörigkeit der Ostjuden zur deutschen Kultur zu identifiziere!!, Trotz dieser Einschränkungen möchte ich die einschlägigen Ausführungen Ehrlichs den deutschen Antisemiten (den erklärten und den heimlichen), die durch Bekämpfung des Judentums dem Deutschtum zu dienen wähnen, eindringlich zum Studium empfehlen. Welches Kapital von deutscher Sympathie mögen die neuerlichen antisemitischen Regungen — „Judenzählung" usw. — bei der östlichen und amerikanischen Judenheit wieder vernichtet haben! Wie immer aber man sich zu der Frage des Nutzens der Ostjuden für Deutschland stellen mag, es.verdient, wie erwähnt, volle Anerkennung, daß der Verfasser derartigen politischen Tendenzen keinen Einfluß auf sein sozialpolitisches Programm gönnt. Sein Programm, das er fesselnd vorträgt und eingehend begründet, gipfelt in dem Vorschlag der I n - dustrialisic r u n g der als Händler heute überflüssig gewordenen und daher wirtschaftlich entwurzelten Juden, womit ihnen seihst und dem der Industrie entbehrenden Lande gleicher Weise geholfen wäre. Ich möchte an diesem Vorschlage nur eines aussetzen: daß er nämlich eine Einseitigkeit durch eine andere ersetzen will. Der bei der Unmöglichkeit einer Gesamtauswanderung wünschenswerten Verwurzelung der Juden mit ihren Wohnländern, sowie der körperlichen und geistigen Gesundheit der Individuen wie des Volksganzen kann es nur dienen, wenn die Juden die herkömmliche