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Neue jüdische Monatshefte · 1916-11-25 · Heft 4 (25.11.1916) · p. Seite 93

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 4 (25.11.1916)
Article
Körperliche Regeneration der Ostjuden
Date
1916-11-25
Page
Seite 93 (sequence 3)
Language
German
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93 hierfür liegt einzig und allein in der wachsenden Unterernährung der Bevölkerung. Ich leite eine Poliklinik, welche beinahe ausschließlich von der jüdischen Bevölkerung besucht wird. Kein Tag vergeht, ohne daß Mütter uns Kinder im Alter bis zu 6 Jahren vorstellen, die nicht mehr gehen können. Bei der Untersuchung zeigt sich, daß sich allmählich Rhachitis in hohem Maße entwickelt hat — bekanntlich eine Ernährungskrankheit Rhachitische Kinder hat es natürlich auch früher gegeben, aber jetzt tritt die Krankheit, wie man sehen kann, epidemisch auf. Überhaupt haben alle Arzte der Polikliniken bei uns die Empfindung, daß es den meisten unserer Kranken nicht an Arznei fehlt, sondern daß' wir besser täten, ihnen Brot zu geben. In Warschau ist eine Gesellschaft „Freunde der Kinder'4 neu gegründet worden, jüdische Kinder werden dort zu Tausenden vorgeführt, deren Gewicht weit unter dem ihrem Alter entsprechenden geblieben ist. Ich bin noch am jüdischen Krankenhauso tätig. Die Sterbezahl der Insassen dort ist zweimal so groß, wie zu Friedenszeiten, obwohl keine Epidemie herrscht. In besonders hohem Grade wirkt die Tuberkulose verheerend unter den Erwachsenen, deren geschwächte Körper der Krankheit keinen Widerstand zu leisten vermögen. Wir haben jetzt auch eine neue Erkrankung kennen gelernt: viele Leute schwellen am ganzen Körper an, ohne daß abnorme Verhältnisse in den Nieren oder am Herzen, bestehen. Es stellt sich heraus, daß diese Kranken beinahe ausschließlich von Kartoffeln leben, weil viele armen Juden den Brotpreis nicht bezahlen können und die Brotkarte verkaufen, um vom Erlös Kartoffeln zu erstehen. Im jüdischen Krankenhauso, zu dem infolge großen Platzmangels nur wenige Zutritt finden, erholen sich diese Patienten bei ausreichender Ernährung fast vollständig. Es kann verwunderlich erscheinen, daß alle die vorstehend geschilderten Erscheinungen mit Unterernährung der Bevölkerung erklärt werden, da doch der Fremde in Polen Fleisch in unbegrenzten Mengen erhält und auch sonst vielfach besser lebt als heute in Deutschland selbst. Diese Tatsache findet ihre Erklärung in dem Umstände, daß die Kaufkraft der polnischen Bevölkerung eine sehr verschiedenartige ist, und daß infolgedessen und auch aus anderen Gründen Fleischkarten nicht eingeführt worden sind. So kann der Wohlhabende leicht alle Nahrungsmittel erstehen, die er gebraucht, während die arme Bevölkerung fast ausschließlich auf Brot und Kartoffeln angewiesen ist. Bei den bestehenden Verhältnissen und solange die Herüberbringung amerikanischer Lebensmittel nach Polen verhindert wird, erscheint eine Besserung dieser Verhältnisse so gut wie ausgeschlossen. Natürlich leidet auch die nichtjüdische polnische Bevölkerung sehr unter all diesen Zuständen. Nach offiziellen Daten über die Sterblichkeit in Warschau überragt die Zahl der Sterbefälle die der Geburten in der Zeit vom Oktober 1915 bis Mai 1916 um zirka 40001 Allerdings muß dabei berücksichtigt werden, daß die Geburtenzahl abgenommen hat, aber das ist nicht in beträchtlichem Maße der Fall gewesen.

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