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Neue jüdische Monatshefte · 1916-11-25 · Heft 4 (25.11.1916) · p. Seite 92

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 4 (25.11.1916)
Article
Körperliche Regeneration der Ostjuden
Date
1916-11-25
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
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92 verelendete infolge der geschmälerten Verdienstmöglichkeiten, Infolgedessen setzte eine lebhafte Auswanderung ein, aber sie führte kaum den Geburtenüberschuß fort. Ist doch die Zahl der Kinder in polnischjüdischen Familien immer noch eine sehr große und überschreitet im Durchschnitt wohl die Zalü von sechs Kindern auf die Familie, obwohl es darüber keine genaue Statistik gibt. Diese große Fruchtbarkeit ist einmal die Fojge gewisser religiöser Vorschriften, bildet aber auch eine Erscheinung, die sich in proletarisierten Massen stets wiederholt. Wer ohnehin kein Vermögen besitzt, also seinen Kindern Kapitalien nicht hinterlassen kann, sucht die Kinderzahl nicht zu beschränken, weil für ihn eine Zersplitterung des Besitzes nicht zu befürchten ist. Diese Erscheinung war schon den alten Hörnern bekannt, heißt doch „proles" die Nachkommenschaft, und von diesem Wort stammt der Begriff der Proletarier. In steigendem Maße und mit wachsender Besorgnis habe ich vor dem Kriege die fortschreitende Unterernährung der jüdischen Bevölkerung beobachtet. Es gab zahlreiche Existenzen, die sich zu wahren Hungerkünsticrn ausbildeten, und der Körper nimmt ja die Gewohnheit an, schließlich mit sehr geringen Quantitäten von Nahrungsmitteln auszukommen, aber auf die Dauer rächt sich natürlich ein solches Leben an der Konstitution des Individuums, und vor allem auch an seinen Kindern. Dazu kam, wenigstens in den großen Städten, eine außerordentliche Wohnungsnot. Die Mietspreise in Warschau, Lodz usw. sind sehr hoch, und so wurden die Leute gezwungen, in jämmerlichen Hinterhäusern und Kellerwohnungen zu vegetieren. Leider gibt es bei uns noch keine Bauordnungen mit hygienischen Schutzmaßnahmen wie in Westeuropa, und der Eigentümer kann sein Grundstück in rücksichtsloser Weise ausnutzen. Noch in neuester Zeit sind sieben- und achtstöckige Mietskasernen in Warschau gebaut worden, die man in keiner westlichen Großstadt dulden würde. Die Generation, welche so ohnehin in den schlecht gelüfteten, oft feuchten Wohnungen ohne die nötige Ernährung aufwächst, wird dann in die Chederschuien gesandt, die vielfach jeden hygienischen Schutzes entbehren. Die Kinder sitzen 7 bis 8 Stunden täglich in engen, schlecht gelüfteten Räumen, manchmal auf Kisten und Brettern, und gehen vielfach nicht einmal zum Mittagessen heim. Unter solchen Umständen ist natürlich der Gesundheitszustand der jüdischen Bevölkerung bereits seit Jahrzehnten ein überaus kritischer gewesen, aber unter der aligemeinen Mißwirtschaft der Russen war es ganz unmöglich, Wandel zu schaffen. Die deutsche Okkupationsbeltörde hat sich sehr bemüht, Sauberkeit und Ordnung zu verbreiten und Epidemien vorzubeugen. In vielen Städten und Städtchen hat man behördliche Säuberung der Häuser vorgenommen, die Insassen desinfiziert, die Straßen von jahrelangem Schmutz befreit und auch in Men Schulen für eine Desinfektion der Kinder gesorgt. Sicherlich haben sich die allgemeinen sanitären Verhältnisse unter der deutschen Okkupation gebessert; zurzeit besteht keine Epidemie in größerem Maßstäbe. Und dennoch ist die Morbidität und Mortalität, wenigstens in Warschau, eine größere geworden. Der Grund

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