Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Die Selbständigkeit Polens und die Judenfrage
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
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91 unserer Rechtsverhältnisse wird dieses Verständnis von großer Bedeutung' sein. Wir leben in einer außerordentlich schwierigen Übergangszeit, und es geht nicht an, mit einer Einflußnahme zu warten, bis ein Definitivum geschaffen ist Die Lösung der Judenfrage erfolgt ebensowenig wie die der Polenfrage im Augenblick des Erlasses der neuen Verfassung, sondern allmählich durch Gesetze und Verordnungen, die einen endgültigen Zustand vorbereiten. Ist durch Bestimmungen aller Art ein Faktum geschaffen, so muß man es kodifizieren, und darum muß schon heute, auch von Seiten der deutschen Juden, alles getan werden, was nur möglich ist, um den endgültigen Zustand der Dinge mit vorbereiten zu helfen. Weite polnisch-jüdische Kreise erwarten mit großer Ungeduld die Stellungnahme der deutschen Juden. In diesem geschichtlichen Augenblick müssen sich das westliche und das östliche Judentum miteinander verständigen, und das westliche Judentum muß seine größere politische und organisatorische Erfahrung zu unseren Gunsten verwerten. Wir hätten deshalb den dringenden Wunsch, daß eine Anzahl von deutschen Juden uns bei der Errichtung der notwendig erscheinenden besonderen jüdischen Organisationen praktisch zur Hand ginge, und wir glauben, daß eine solche Mitarbeit auch von der polnischen Mehrheit gern gesehen werden würde. Gewiß darf man uns nicht von außen her Programme aufzwingen. Wir müssen selbst über unsere Zukunft im Innern und über unser Verhältnis zu den Polen entscheiden, aber eine Beratung mit den politisch erfahreneren, westlichen Elementen und ihre tätige Mithilfe ist darum keineswegs entbehrlich. Möge das westliche Judentum nicht verkennen, daß, wenn dieser Augenblick versäumt wird, die Fühlung zwischen Osten und Westen verloren geht, und daß keine Reue zurückbringen wird, was man im Augenblick ausgeschlagen hat Körperliche Regeneration der Ostjuden Von einem Warschauer Arzte *) Wer sich mit der Judenfrage im Osten befaßt, kann nur mit schwerer Sorge die Lage der großen Masse betrachten, die infolge der vielen gesetzlichen Beschränkungen und Verfolgungen der Russenzeit überaus traurig ist. Die ZiisammendriLngung von mehr als 614 Millionen Menschen im sogenannten Ansiedlungsrayon wurde mit ungeheurer Rücksichtslosigkeit vorgenommen. Selbstverständlich gab es für die ungezählten Zuwanderer keine Beschäftigung, und die Folge davon war, daß ein großer Teil der Zuwanderer von vornherein der öffentlichen Armenpflege verfiel. Auch ein Teil der bisherigen Bewohner Polens *) Der Verfasser ist einer der angesehensten Warschauer jüdischen Ärzte und verfügt über eine ungewöhnlich reiche Erfahrung. Er ist zugleich eine Vertrauensperson der jüdischen Bevölkerung.