Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 4 (25.11.1916)
- Article
- Die Selbständigkeit Polens und die Judenfrage
- Date
- 1916-11-25
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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90 auch schwere Pflichten auf und mutet uns große Opfer zu, die wir nicht als Staatsbürger zweiten Ranges, nicht nur unter dem Zwange einer äußerlichen Pflicht, sondern mit innerer Freude und Begeisterung erfüllen und tragen möchten. Das von der deutschen Heeresleitung in ihrem Aufruf an die Juden gegebene Versprechen der Gleichberechtigung ist von der Okkupationsbehörde treulich erfüllt worden; hoffentlich wird die Leitung des neuen polnischen Staates von dem gleichen Geiste getragen sein. Um aber eine wahre Gleichberechtigung durchzuführen, genügt es nicht, den Juden Bürgerrechte in der Verfassung zu garantieren — man muß auch ihre berechtigten national-kulturellen Forderungen berücksichtigen. Eine solche Forderung steht nicht mit dem Geiste des polnischen Staates in Widerspruch, sondern entspricht durchaus den polnischen Überlieferungen. Haben sich doch die Juden hier vormals einer weitgehenden Autonomie zu erfreuen gehabt. Polen kann nur ein Nationalitätenstaat sein, und die Juden in Polen, die sich durchaus als Nation empfinden, wünschen vor allem ihre Muttersprache — den Jargon — zu wahren; die kürzlich in Lodz vorgenommene Volkszählung hat nachgewiesen, daß 98Vs% der jüdischen Umgangssprache und Nationalität angehören. Den besten Beweis dafür bietet ferner der Ausfall der Wahlen zur Warschauer Stadtverordnetenversammlung, wo die für das Jüdische eintretenden Kandidaten weitaus die meiste Stimmenzahl erhielten. Wir hoffen um so mehr auf die Erfüllung unserer Wünsche, als der Generalgouverneur in seinem Reskript über die Satzungen des Landesschulrates erklärt, hat: „Ich bin überzeugt, daß man den begründeten Forderungen der bestehenden Minderheiten wird entsprechen können!" Leider kommt die wahre Stimmung der polnischen Judenheit in den offiziellen Vertretungen der jüdischen Gemeinde selten zum Ausdruck, weil diese Verwaltungen fast überall in der Hand einer dünnen Schicht von Großkapitalisten sich befinden. Diese aber sind fast durchweg assimilatorisch gesinnt und vollständig polonisiert; ihnen fehlt durchaus die Fühlung mit der breiten Masse der Juden, und zwar nicht nur in bezug auf die national-kulturellen Forderungen, sondern auch in bezug auf konfessionelle Fragen, denn die jüdische Masse ist in Polen streng religiös, während die freilich zahlenmäßig überaus geringe vorgenannte Oberschicht mehr oder weniger konfessionell gleichgültig ist. Wenn kürzlich Mitglieder dieser dünnen Oberschicht bei den politischen Verhandlungen in der Öffentlichkeit hervortraten, so muß die Isolierung dieser Kreise in der öffentlichkeit besonders festgestellt werden. Haben sie sich doch nicht einmal vor ihrer Reise mit den gewählten jüdischen Vertretungen verständigt. Es ist aber unbedingt notwendig, daß die Öffentlichkeit in Deutschland jetzt der polnischen Judenfrage ihre volle Aufmerksamkeit zuwendet und sich über diese Verhältnisse innerhalb des polnischen Juden-, tums klar wird. Die Gestaltung unserer zukünftigen Lage ist durchaus davon abhängig, daß der Außenstehende die inneren Verhältnisse des polnischen Judentums versteht; bei der endgültigen Regelung