Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Jüdische Bibliophilenbücher [Rezension]
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 85 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908694-2908991--0165-2909036- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
65 nchmheit. Die Leipziger Zionisten I haben mit dieser Gelegenheitspublikation wirklich Großartiges geleistet. Nun kommen wir auf den jungen Verlag R. Löwit in Wien zu sprechen, der noch kein einziges Buch herausgebracht hat, das nicht typographisch schön wäre, und der es unternommen hat, eine „Jüdische Liebhaberbibliothek'4 zu gründen. Als erstes und bisher einziges Werk dieser Bibliothek erschien „Die Nacht auf dem alten Markt" von J. L. Pcrez, in der meisterhaften Übersetzung Hugo Zuckermanns. Dieses in nur dreihundert Exemplaren hergestellte Werk existiert überhaupt nur in der teuren (40.— M.) Ausgabe und ist also ausschließlich für Bibliophilen berechnet. Das nach Angaben von C. Schulda bei F. Rollinger in Wien gedruckte Buch bildet in typographischer Hinsicht einen direkten Gegensatz zu den von Ii R. Weiß ausgestatteten Büchern: im gleichen Maße wie jene herb, wuchtig und ernst sind, ist das Erzeugnis des Wiener Buchgewerbes zierlich, leicht und graziös. Das in der schmächtigen Helga-Antiqua auf einem ungemein schönen, schweren Bütten gedruckte Buch ist wohl überhaupt das schönste von allem, was in Österreich in den letzten Jahren herausgegeben worden ist. Die Satzordnung ist für ein Versdrama direkt vorbildlich. Trotz des schmalen Formats und kleinen Satzspiegels hat das Buch bei all seiner Zierlichkeit auch einen Zug ins Monumentale. Der Einband aus samtartigem Kalbleder ist wundervoll und ein typisches Wiener Erzeugnis. — Ein weiteres schönes Buch des Löwitschen Verlages ist: Hugo Zuckermann, „Gedichte". Es ist gleichfalls bei Rollinger in Wien gedruckt. Die einfache Ausgabe ist in grau marmoriertes Leinen gebunden; die auf ein kostbares Papier gedruckte Luxusausgabe in hundert Exemplaren hat einen schönen Ledereinband, der ebenso sorgfältig gearbeitet ist, wie der des Pcrczschen Dramas. Alle hier aufgezählten Werke sind in den letzten zwei Jahren erschienen, also in einer Zeit, in der die Herstellung und auch der Absatz von Luxusdrucken recht schwierig ist. Die schönen Anfänge berechtigen uns zur Hoffnung, daß die beiden rührigen Verlage uns noch manches schöne Buch bescheren werden. A. E. Spinozas Briefwechsel und andere Dokumente. Ausgewählt und übertragen von J. Bluwstein. Insel- Verlag, Leipzig 1900. M. 5,—. Es wäre 210 Jahre nach dem ersten Erscheinen von Spinozas Briefwechsel höchst überflüssig, über den Wert dieser einzigartigen Sammlung viele Worte zu machen. Aus einem Kreise von Schülern und Freunden ans Licht gebracht, geben diese Briefe fast durchweg Erläuterungen zu der Lehre des Philosophen, weil sie nur unter diesem Gesichtspunkte zusammengetragen worden sind, In ihnen findet derjenige, der tiefer in Spinozas Lehren eindringen will, kostbare Fingerzeige. Es sind nicht nur, wie es beim ersten Durchblättern scheinen mag, Ausführungen aus dem 1070 veröffentlichten „Theologischpolitischen Traktat" oder der nach dem Tode Spinozas erschienenen „Ethik" vorweggenommen, sondern es ist sehr vieles durch lebendige Gleichnisse und Beispiele erst dem Verständnis recht erschlossen, Einzelprobleme sind ausführlich behandelt, gegen Einwendungen verteidigt, und manches, was in der mathematischen Form der „Ethik" in fast allzu prägnanter Kürze und in rein theoretischer Formulierung gegeben ist, erst durch die Darstellung in den Briefen faßbar und verständlich geworden. Ein Mangel der Sammlung, an dem der große Philosoph sicher unschuldig ist, liegt darin, daß seine Jünger ihn am besten zu ehren glaubten, indem sie nur philosophische Briefe aufnahmen und alles Persönliche möglichst ausschalteten. Der Herausgeber der neuen sehr schönen Ausgabe des Insel-Verlags bedauert es mit Recht, daß uns Spätgeborenen so ein intimerer Einblick in die persönlichen und politischen Beziehungen und Anschauungen Spinozas versagt bleibt, aber er fügt auch mit Recht hinzu, daß trotzdem aus den erhaltenen Briefen die große und vielseitige Persönlichkeit hell genug hervorleuchtet. Diese hervorzuheben, hat er sieh besonders — und mit Erfolg — bemüht. Es muß als ein glücklicher Griff bezeichnet werden, daß die Briefe nicht einfach in chronologischer Folge aneinandergereiht sind, sondern daß