Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Wege der Gemeindepolitik
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 72 (sequence 6)
- Language
- German
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72 und Ritus sich befaßt, wird über innere Kämpfe und Gegensätze nicht hinauskommen: sie wird unter ihren Mitgliedern Mißtrauen züchten und nicht gegenseitiges Vertrauen erwecken. Sie legt ihre Tätigkeit lahm und kommt nicht zur Erfüllung ihrer wichtigsten Aufgaben. Die Freiheit der Religionsausübung beginnt nicht erst außerhalb und oberhalb der Gemeinden, sondern schon in der Gemeinde selbst. Auch hier bedrückt Gewissenszwang, auch hier will die in der Minderheit befindliche Richtung sich nicht den Ritus von der Mehrheit aufzwingen lassen. Wie bei. den Verbänden gibt es auch in den Gemeinden nur eine Lösung, die zugleich die Freiheit der Religionsausübung und die Erfüllung aller jüdischen Gemeinschaftspflichten zuläßt: das ist die Ausschaltung von Kultus und Ritus aus der Zuständigkeit der Gemeinde, die „Trennung von Kirche und Staat" auch für das Judentum. Das ist die Richtung, die eine gesunde jüdische Gemeindepolitik wird einschlagen müssen, wenn sie den wichtigen Aufgaben gerecht werden will, die nach dem Kriege ihrer Erfüllung harren. Ich möchte diesen Aufsatz nicht abschließen, ohne ausdrücklich zu betonen — was eigentlich überflüssig sein sollte —, daß die Ausschaltung der Pflege von Ritus und Kultus aus den Gemeindeaufgaben nicht eine Vernachlässigung der religiösen Pflichten bedeutet. Im Gegenteil. Die Pflege der religiösen Güter ist bei den Zwangsgemeinden, die Vertreter aller Richtungen umfassen müssen, nicht gut aufgehoben. Es geht dabei nun einmal niemals ganz ohne Konzessionen, ohne Kompromisse, ohne Mehrheitsbeschlüsse und damit ohne Gewissenszwang ab. Erst in freien religiösen Gemeinden, die sich bilden können, wenn die offiziellen „Synagogengemeindenw die Regelung der Religionsausübung nicht mehr als ihre Aufgabe betrachten, werden sich die innerlich Gleichgesinnten zusammenfinden, und werden frei und ungestört nach eigener Überzeugung ihrem Gotte dienen können. Über die Stellung des Salomonischen Tempels in der Weltarchitektur1)1 Von Dr. E. Brandenburg Ob wohl Juden- und Christentum je weltgeschichtliche Faktoren geworden wären, wenn Jerusalem etwa in der Gegend des Wan- oder Urmiasees gelegen hätte? An und für sich scheinen solche Fragen *) Es ist weder möglich noch angebracht, in einem kurzen Aufsatz ein derartig kompliziertes Thema erschöpfend zu behandeln und die nötigen Beweise für die darin enthaltenen Theorien zu bringen, besonders ohne Abbildungen. Ich verweise deshalb auf eine diesbezügliche, rein wissenschaftliche Arbeit, die demnächst in der „Zeitschrift für Ethnologie", dem Organ der „Berliner Anthropologischen Gesellschaft", erscheinen wird.