Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 3 (10.11.1916)
- Article
- Königreich Polen
- Date
- 1916-11-10
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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55 diesen auch die Befreiung von dem russischen Joch verbürgt, so liegt doch ihre Zukunft noch unsicher in der Hand eines Volkes, das zwar viele Beweise hochherziger und ritterlicher Gesinnung gegeben hat, das sich aber doch nicht immer freihielt von den unglückseligen Einflüssen ~einer die Bevölkerungsteile gegeneinander ausspielenden russischen Politik und dem verderblichen Wirken aufreizender Demagogen. Wir hoffen und wünschen im Interesse der gut vaterländischen jüdischen Bevölkerung Polens, aber auch im Interesse des jungen Staates selber, daß sich dessen neue Leiter der großen Vergangenheit würdig erweisen und, erfüllt von dem Gedanken wahren'Liberalismus und wahrer Achtung vor der Eigenart und der Kultur der Minderheiten, an die Lösung des Judenproblems herantreten werden. Die ganze Welt schaut heute auf Polen. Sie erwartet von ihm mehr, als nur die Schaffung noch eines Mittelstaates neben so vielen anderen. Nur wenn Polen, getragen von dem Gedanken aufrichtiger Humanität und sittlicher Größe, das innere Glück aller seiner Angehörigen verbürgt, wird es in der Reihe der Nationen sieh den Platz sichern können, den es einzunehmen berufen ist. In der Hoffnung, daß es gelingen möge, gegenüber manchen hindernden Einflüssen aus trauriger Vergangenheit eine solche Zukunft herbeizuführen, begrüßen auch wir das neue Königreich Polen! Wir und die Ostjuden Von Dr. Adolf Friedemann, Berlin 1. Die Lage Der furchtbare Krieg, den \rir durchleben, hat plötzlich für die deutschen Juden die Notwendigkeit geschaffen, sich mit einem Problem auseinanderzusetzen, dem früher ihre Mehrheit ängstlich aus dem AVege ging; nämlich mit der Regelung uuseres Verhältnisses zu den Ostjuden. Nur wenige, die zionistische Minderheit, hatten sich schon früher ernstlich mit dem Studium der Millionen von Stammesgenossen beschäftigt, die jenseits der Grenzen in qualvollen Verhältnissen dahinlebten, und als Lösung der Judenfrage die Schaffung „einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" bezeichnet. Die Mehrheit der deutschen Juden empörte sich wohl aus Gerechtigkeitsgefühl und allgemein menschlichem Empfinden bei der Kunde von Pogromen und wirtschaftlichen Verfolgungen, gab Geld her zur Linderung des Elends und zur Förderung der ziemlich planlos betriebenen Auswanderung nach Übersee, verharrte aber in seelischer Unberührtheit und Gleichgültigkeit. So kam es, daß für viele Tausende, die mit unseren Heeren nach den so gut wie unbekannten Ostländern zogen, das Vor-