Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Soziologische Tagebuchblätter
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 53 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908690-2908693-2908925--0104-2908966- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
53 Leben sei überall verdorrt, wo sie verschwanden. Ich habe demgegenüber in meiner ausführlichen Anzeige des Sombartschen Buches in der „Neuen Rundschau"2) bereits festgestellt, daß der Zusammenhang genau der umgekehrte ist: die ausgetriebenen Juden wenden sich selbstverständlich dorthin, wo die Blüte des Wirtschaftslebens ihnen Aussichten eröffnet, und fördern dann freilich den Aufschwung durch ihr mitgebrachtes Vermögen, ihre Geschäftsgewandtheit und ihre unverlierbaren geschäftlichen Beziehungen namentlich mit den Glaubensgenossen der übrigen Welt. Brentano beweist diesen geschichtlichen Zusammenhang mit unwiderleglich erscheinenden Argumenten, indem er Sombart überall Flüchtigkeit in der Materialsammlung und sogar tendenziöse Auswahl und Zusammenstellung der Tatsachen nachweist (vgl. S. 100ff). Er zeigt z. B., daß Spanien und Portugal erst nach der Vertreibung der Juden unter Karl V. und Manuel dem Großen ihre höchste Blüte erreichten. Dasselbe gilt von den großen deutschen Handelsstädten, deren Blüte nach der Judenaustreibung noch etwa ein Jahrhundert hindurch stieg. Auf der anderen Seite zeigen die Gebiete, in die sieh die meisten Juden flüchteten, die Türkei, Nordafrika und Polen-Rußland, nachher sehr wenig von kapitalistischer Blüte. Ebensowenig ist wahr, was Sombart über den „aus der Wüstemitgebrachten Charakter der Juden behauptet, über ihr „Whtschaftsstreben, das wider die Natur (oder neben der Natur) verläuft". Die jüdische Religion ist völlig falsch und schief dargestellt. Das „rechnerische Verhältnis" des do ut des zwischen Gott und den Menschen findet sich überall, auch bei den „Wald- und Sumpfvölkern" des Nordens neben der Innigkeit der Gefühls-Religiosität. Das Buch Hiob hat Sombart auf jüdischer Seite ebensowenig beachtet, wie die Zeugnisse für das „rechnerische Verhältnis" bei den Ariern, z. B. den Griechen, Zeugnisse, auf die auch Friedrich Hertz in seinem „Rassenproblem" gegen Chamberlain so starken Nachdruck gelegt hat. Brentano kommt zu dem Schlüsse: „So ist denn der Dualismus keineswegs eine spezifisch jüdische, sondern eine allgemeine Religionslehre" (S. 174). Dann wird die ungeheuerliche Behauptung aus den Quellen widerlegt, daß die Juden weder im eigenen Lande, noch nach der Zerstreuung körperliche Arbeit betrieben haben. Sie waren ursprünglich durchaus -kein Volk von Händlern, sondern von Kriegern, Bauern und Handwerkern, wie jedes andere Agrarvolk der Welt. Erst nach dem Exil zwang sie ihre Geschichte, sich stark dem Handel zu widmen — übrigens eine Erscheinung, die sich bei allen Völkern des Altertums, auch den politisch glücklicheren, sogar den Römern findet. Es ist das eine notwendige Folge aus der „kapitalistischen Sklavenwirtschaft", der Grundlage aller jener Staatswesen: die Usurpation des ganzen Ackers durch die Magnaten und Plutokraten ließ den enterbten freien Elementen nur zwei Notausgänge zu ehrenhafter Existenz: als Kaufleute und Söldner. So finden wir denn auch überall nicht nur jüdische Händler, sondern auch jüdische Landsknechte. 2) „Neue Rundschau" 1911, Heft 7.