Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 2 (25.10.1916)
- Article
- Zur Nationalitätenfrage in Polen
- Date
- 1916-10-25
- Page
- Seite 35 (sequence 2)
- Language
- German
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35 wirken. Weit eher kommen die Kräfte, die jetzt dort herangebildet werden, als Lehrkräfte für die Lehrerbildungsanstalten (Seminare) in Betracht. Der Eifer für die nationale Sache wird freilich vielfach die pädagogische Erfahrung ersetzen müssen. Noch schlimmer wie für die Polen liegt die Sache für die Ruthenen, die Weißrussen und Litauer, wo man noch weit weniger weiß, woher die Lehrkräfte nehmen? Wo solche heranbilden, wo Lehrkräfte für die Heranzubildenden finden? Für die Litauer könnte zur Not das ostpreußische Litauen aushelfen, doch sind die preußischen Litauer Protestanten, die russischen Katholiken. Das würde kein Hindernis sein, wenn man sich von vornherein entschließen wollte, den Religionsunterricht von der Schule auszuschließen und ihn der Kirche zu übertragen. Aber es ist nicht all zu wahrscheinlich, daß das zu erreichen ist. Besser liegt es für die Letten in Kurland, wo freilich die Russifizierung der letzten Jahrzehnte die vorher recht guten Schulverhältnisse empfindlich beeinträchtigt hat. Am besten ist das Schulwesen der Deutschen, sowohl in den Städten Polens, wie in Kurland. Das jüdische Schulwesen steht auf außerordentlich niedriger Stufe. Die Kinder, die oft schon mit 4V2 Jahren in die Chederschulen gebracht werden, lernen Lesen und Schreiben in. hebräischen Schriftzeichen, denn auch das Jiddisch wird in diesen geschrieben und gedruckt, ebenso Religion nach Bibel und Talmud. Der Unterricht dauert 8—10 Stunden am Tage, was für die körperliche Entwickelung der Kinder um so nachteiliger ist, als die überfüllten Klassenräume und die Sitzgelegenheit in hygienischer Beziehung meist alles zu wünschen übrig lassen. Lehrplan, Lehrstoff, Lehrmethode genügen auch den bescheidensten Anforderungen nicht. Zum Teil ist die Rückständigkeit darauf zurückzuführen, daß die russische Regierung diesen Schulen nur die Erteilung von Religionsunterricht und des dazu erforderlichen Lesens und Schreibens erlaubte; zum größeren Teil aber auf die Unzulänglichkeit der Lehrkräfte, die bei der unglaublich niedrigen Besoldung von 2—03 Rubel wöchentlich meist völlig ungenügend vorgebildet sind. Aber auch die Wahl des Lehrstoffs erfolgt ohne alle pädagogischen Rücksichten. Selbst in Warschau, wo von 32000 jüdischen Kindern im schulpflichtigen Alter zwar nur rund 2000 Analphabeten waren — ein für Polen sehr günstiges Verhältnis —, wo aber über 23000 in den jämmerlichen Chederschulen und einige Tausend in Talmud-Thoraschulen unterrichtet wurden. Es wird indessen unumgänglich sein, da es unmöglich wäre, die Chederschulen sofort durch öffentliche jüdische Volksschulen zu ersetzen, an sie anzuknüpfen, sie zu entwickeln, sie schrittweis in die Verwaltung der jüdischen Nationsgemeinschaft zu übernehmen, die an ihnen wirkenden Lehrer durch Fortbildungsunterricht zu heben, Lehrstoff und Methode zu verbessern und neue Lehrgegenstände einzuführen. Zu den Mindestforderungen, welche die Zentralgewalt an alle Schulen wird stellen müssen, gehört die Kenntnis der Reichs-