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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-10 · Heft 1 (10.10.1916) · p. Seite 28

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 1 (10.10.1916)
Article
Mitteleuropa und die Judenfrage [Rezension]
Date
1916-10-10
Page
Seite 28 (sequence 3)
Language
German
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25 dort stehen, wenn die Judenfrage dort so realpolitisch behandelt würde wie die sonstigen Probleme des werdenden Mitteleuropa. Wo Naumann die Judenfrage ex professo behandelt, ist er Ideologe; wo er aber empirisch jüdische Tatsachen beobachtet, ist er sich nicht bewußt, daß hier der Ort ist, wo die Judenpolitik: einsetzen müßte. Er steht in dieser Behandlung der Judenfrage nicht aliein. Leider scheint es, als spräche auch hier aus Mitteleuropa der „Geist der Zeit". Aber hoffen dürfen wir immerhin, daß in der kommenden Zeit der in diesem Buch eines liberalen Politikers (er war einst Antisemit und ist auch Forscher!) auftretende ehrliche Wille, jüdische Leistung wissenschaftlich festzustellen und — auszusprechen, auch weitere Kreise ergreifen wird, nicht nur feindliche, sondern — und diese Hoffnung ist sehnlicher — die der Freunde und unsere eigenen. Das hier Ersehnte ist freilich nicht identisch mit der „Wissenschaft des Judentums". Laßt nur die Wissenschaft das Jüdische feststellen und darstellen; die Politik m u ß dann ja wohl ihre Folgerungen ziehen. Welche Folgerungen? ich glaube, da braucht uns nicht bange sein. Sigbert Feuchtwanger (München). Das Buch von den polnischen Juden, herausgegeb. v. S. J. Agnon, u, Ahron Eliasberg. Berlin. Jüdischer Verlag, 1916. Preis: Pappbd.4M., LeinenöM. Unter den zahlreichen in den beiden letzten Jahren erschienenen Büchern zum Ostjudcnproblem nimmt dieses Sammelbuch eine ganz besondere Stellung ein durch den gelungenen Versuch: „die polnischen Juden aus ihrer Eigenkultur heraus verstehen zu lehren". Aus dem ursprünglichen Schaffen des Volkes in Legenden und Märchen, in Sprichwörtern, Rechtssatzungen und Vertragsurkunden haben die Herausgeber viel Wertvolles geschöpft und zu einem plastischen Bilde zusammengefaßt, das zur Kenntnis und zum Verständnis der unendlich komplizierten Verhältnisse unserer Brüder im Osten viel mehr beiträgt, als die gelehrtesten Abhandlungen. Dies Ziel wird erreicht, trotzdem — oder besser — weil es tendenzfrei ist, weil keiner der Beiträge mit der Absicht geschrieben wurde, den Westeuropäer über die Verhältnisse * im Osten aufzuklären: es sind, mit vier Ausnahmen, lauter Skizzen und Aufsätze, die Ostjuden für Ostjuden (jiddisch und hebräisch) geschrieben haben. Darin eben liegt die Stärke des Buches. Von den aus der jiddischen Literatur gewählten Beiträgen seien die beiden ausgezeichnet übersetzten Skizzen von J. L. Perez aus den „Erlebnissen eines jüdischen Statistikers in Polen" erwähnt. Sie geben nicht nur einen tiefen Einblick in das für den Westeuropäer beinahe unfaßbare Leben der polnischen Juden, sondern stehen auch künstlerisch auf hoher Stufe. „Ein herrschaftlicher Sabbat" von Scholem Asch ist gleichfalls ein künstlerisches Meisterwerk. Interessant, weil originell, ist die im alten Chronikstiel erzählte Geschichte: „Wie der junge Graf Potocki Jude wurde und den Märtyrertod erlitt" von Eisik Mejor Dick, dem Xestor der jiddischen Volksliteratur. Auch „Die Geschichte von Wilnar Baihabessel" des Jacob Dinesohn, die den Herzenskonflikt eines jüdischen Künstlers schlicht und rührend darstellt, bietet uns einen neuen Einblick in die Psyche der Ostjuden. Nachum Sokolow schildert in einer Skizze „Kowed" die Leiden eines herabgekommenen „Nagids" (Reichen), der, um die Ehre seines Hauses zu wahren, sich vergebens müht, den Schein seines entschwundenen Glanzes zu erhalten. Ungemein interessant sind die aus dem Hebräischen übertragenen, sehr eigenartigen Arbeiten von S. J. Agnon, in dem wir einen Dichter ersten Ranges kennen lernen. Die mit großem Geschick ausgewählten Anekdoten, Sprichwörter, Stücke aus alten Geschichtenbüchern, Schnurren und Legenden bieten ein reiches folkloristisches Material; ungemein anziehend ist darunter die Geschichte von „Estherkas Haus". Die zahlreichen Abbildungen sind gut gewählt und vortrefflich gedruckt. Es ist nur zu wünschen, daß dieses wertvolle Buch die weiteste Verbreitung (und zwar nicht nur in jüdischen Kreisen) findet. Denn es gibt Kenntnis von einer wenig bekannten Kultur, die nicht nur „kurios", sondern groß, stolz und ehrwürdig ist. A. E. Verantwortlich: Martin Goetz, Berlin-Charlottenburg. Nachdruck der Beiträge den Tasres- Zeitungen mit genauer Quellenangabe gestattet Gedruckt bei Julius Sittenfeld, Hofbuchdrucker., Berlin \V.

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