Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1916-1917
- Issue
- Heft 1 (10.10.1916)
- Article
- Mitteleuropa und die Judenfrage [Rezension]
- Date
- 1916-10-10
- Page
- Seite 27 (sequence 2)
- Language
- German
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27 Wege uns das Heil kommen. Freilich — Friedrich Naumann ist nicht der erste beste; „Mitteleuropa"*) ist eine außerordentliche Leistung. Es ist, als öffnete der Geist der Zeit hier selbst den Mund. Da durften wir mit Recht gespannt sein: Was wird dieser Mund uns Juden verkünden? . . . Und er verkündet uns von der durch den Tod bekräftigten Staatsbürgerlichkeit der israelitischen Soldaten und schließt klangvoll mit dem Akkord (S. 71): „Nach dem Kriege muß Schluß gemacht werden mit den gegenseitigen Verhetzungen; denn im Hintergrunde liegt der gemeinsame Schützengraben und der ist politisch ebensoviel wert wie die Taufe." Beseligt zitierte und paraphrasierte man dies schöne Wort und wußte nun: In dem Deutschland nach dem Kriege wird es keine .Judenfrage mehr geben; hier wenigstens wird die alte .Judenfrage gelöst sein. So mußte der Geist der Zeit reden, die ..keine Parteien, nur noch Deutsche" kannte, t »berschwang ist im Weltkrieg zeitgemäß. Aber die Judenfrage wird er nicht lösen; die wird durch Illusionen eher verwickelt als gelöst. Hier tut Nüchternheit not, so herb sie in die Harmonie jenes Wohlklangs seil rillt. Es ist der alte Irrtum (diesmal tritt er in aktuell kriegerischer Verkleidung auf) des Liberalismus: es könne die Judenfrage von der Idee her gelöst werden. .,Dem die Bürgerpflichten voll Erfüllenden darf man auch die vollen Hechte nicht versagen; die Juden erfüllen die Pflichten, ergo .. Man hat das logisch und ethisch nie widerlegt, aber praktisch alle Zeit dagegen gehandelt. Werden die jüdischen Krieger dies ändern? Hat irgendwer ernstlich vor dem Kriege bezweifelt, daß die jüdischen Soldaten den gemeinsamen Schützengraben mit den übrigen Kameraden teilen werden? Belobung des Selbstverständlichen ist beinahe I3eleidigung. Unsere Gegner aber zählen heute schon die Juden i n den Schützengräben und die hinter der Front, und sagen, der letzteren seien es mehr, und der Krieg habe die alten hassenswerten volksschädlichen jüdischen Untugenden potenziert gezeitigt. Leider muß auch erwähnt werden (nach dem Kriege *) Friedrich N auma n n, „Mitteleuropa". Georg Reimer, Berlin. Preis M. wird man mehr darüber htiren): Sogar im gemeinsamen Schützengraben ist den jüdischen Kameraden Antijüdisches widerfahren. Müssen also die, denen die Förderung der Judenpolitik am Herzen liegt, das Naumannbuch schmerzlich enttäuscht zuschlagen? Blättern wir ein paar Seiten weiter! Seite IM stehen, so nebenbei, ein paar feine, nüchterne Beobachtungen: ..Trotz alles Protestes der Antisemiten sind die Juden ein unentbehrlicher Bestandteil des Wirtschaftsvolkes der Doppclmonarchie. Ihnen ist zwar meist der eigentliche militärisch-organisatorische Kern des deutschenWirtschaftscharakters fremd; aber sie sind geborene Erzieher zur Geschäftlichkeit an sich und damit Vorbereiter und Zurichter der modernen Arbeit.4' Nicht der Volksredner spricht hier, sondern der Sozialwissenschaftler. Was jener tönend kündete, klang uns Juden wohlwollender, als das, was dieser nüchtern feststellt. Und doch ist mir als Juden wohler bei dieser Feststellung, als mir\s bei jener Kündung war. Warum? — Hie Ideologie, hie Empirie! Nur Hinweis auf T a t s a c h e n , nicht auf Ideen kann das bisher fragwürdige Dasein der .luden in der nichtjüdischen Umwelt festigen. — Die rationalistischeTheoric „Menschen und Bürger wie die übrigen sind auch die .Juden; also sehen wir über ihre mißliebigen Ungleichheiten hinweg und erwarten deren Versehwinden" ist praktisch gescheitert. Denn auf der einen Seite hapert es mit dem Hinwegsehen, auf der anderen mit dem Verschwindet). Der Realpolitiker stellt fest: Als Ungleiche, vermöge ihrer Sonderart. vollbringen die Juden in der nichtjiidischen Umwelt die und jene für die Gesamtheit wertvolleSonderleistungcn. Nicht trotz ihrer Ungleichheit, nicht wegen ihrer allgemeinen ftürgerleistungen. die selbstverständlich sind und den Gegnern das Judendasein nicht legitimieren, sondern wegen ihrer Sonderleistungen muß sie daher der Realpolitiker als Gleiche behandeln. Es wäre verlockend, diesen Gedanken weiter auszuspinnen („Grundzüge moderner deutscher Judenpolitik"). Aber hier, wo wir über Naumann sprechen, ist hierfür nicht der Platz. Denn der Gedanke steht nun einmal nicht bei Naumann. Aber er könnte, er müßte