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Neue jüdische Monatshefte · 1916-10-10 · Heft 1 (10.10.1916) · p. Seite 23

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1916-1917
Issue
Heft 1 (10.10.1916)
Article
Soziologische Tagebuchblätter
Date
1916-10-10
Page
Seite 23 (sequence 2)
Language
German
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23 wesen, deren Fortbestand ihre eigene Entrechtung und Entwürdigung bedeutet. Ich sprach einmal in der Eisenbahn zwischen Bukarest und Czernowitz stundenlang mit einem Hauptführer der rumänischen Antisemiten. Er erklärte es für unmöglich, den Juden volles Bürgerrecht zu gewähren, weil sie dann dank ihrer überlegenen Intelligenz die Landbevölkerung ökonomisch versklaven würden. Er mußte zögernd zugeben, daß das nicht der Fall sein würde, wenn die unheilvolle Bodenverteilung des Landes geändert werden könnte, wenn an Stelle des ungeheueren Großgrundeigentums Bauern träten, die geistig durch ein anständiges Schulwesen und wirtschaftlich durch ein ausgebildetes System von Genossenschaften gegen jede Form des Wuchers immunisiert wären. Aber diese Reform sei eben in absehbarer Zeit nicht möglich. Darauf sagte ich: „Aber ihr zwingt die Juden, trotzdem sie als Fremde behandelt werden, Soldaten zu werden." Da sprang der Mann auf und rief: „Vous avez raison, monsieur. C'est une infamie!" Wahrlich, es ist eine Schande, die Schande aller Schanden! Aber es scheint, als komme es jetzt in Rumänien auf eine Infamie mehr oder weniger nicht mehr an. Und vielleicht werden die deutsch-bulgarischen Waffen eine Reform der Grundbesitzverteilung nun doch möglich machen, die dem Bukarester Abgeordneten vor wenigen Jahren noch als ganz und gar unmöglich erschien. Aus dem Kriegsmanifest der Bulgaren klang ein Ton, der in dieser Beziehung Hoffnungen erwecken konnte. Wenn sie dem bis in die Wurzel verderbten Bojaren-Adel das Land nehmen und den verelendeten Landarbeitern als freier Bauernschaft übergeben, so gewinnen sie an Stelle des lauernden Grenzfeindes einen auf Tod und Leben verbündeten Freund, der bis zum letzten Blutstropfen einer „Restauration" Widerstand leisten wird. Die Russen kennen dieses politische Rezept aller Rezepte gut. Sie haben in Polen auf den eingezogenen Gütern des Adels Bauern angesiedelt, und sie waren bereits am Werke, das gleiche in Galizien zu tun: hinter der russischen Armee zog der Feldmesser ins Land, um den ruthenischen und polnischen Tagelöhnern das Land der Magnaten aufzuteilen. Polen ist trotz aller politischen Mißwirtschaft durch diese ökonomische Reform zu einer Blüte erwachsen, die denjenigen Ländern ewig versagt bleiben muß, die keine starke und unabhängige Bauernschaft besitzen. Wer Bauern schafft, schafft Städte, schafft Industrie, Kultur und Wohlstand - und militärische Kraft! Militärische Kraft! Wie sich die Bauernvölker schlagen in diesem Kriege: die Deutschen, die Österreicher, die Bulgaren und — mau soll auch dem Feinde gerecht werden — die Serben und Franzosen, das ist schlechthin großartig. Schon hat sich gezeigt, daß im Zusammenstoß von Magnaten- und Bauernland, von Rumänien und Bulgarien, das Bauernland der eiserne Topf ist, an dem der irdene zerschellt. Tutrakan, Silistria und Baltschik zeugen davon, und eben jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, jubelt Deutschland über Mackensen^ Siegesbotschaft. Unsere Hoffnung ist stark, daß das glorreiche Ende dem

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